Samstag, 4. Dezember 2010

Da bin ich wieder....

Mehr als ein Monate ohne Eintrag, ich muss mich entschuldigen, aber es war eine geile Zeit, Leben ohne Atempause, Leben auf der Überholspur, voll, verrückt, fantastisch. Wo soll ich anfangen? So viele Gedanken, so viele Erlebnisse schwirren mir durch den Kopf in diesem Moment der Ruhe. Eine Ära neigt sich dem Ende entgegen, die Tage in Shivalik neigen sich dem Ende entgegen und wir sitzen hier gemeinsam, hören Bollywood Songs, mit einem winzigen Unterschied: Die letzten beiden Wochen waren wir damit beschäftigt unsere Assignments und Präsentationen für IIPM zu erstellen, aber seit heute sind wir durch. Ihr lest richtig, die Zeit des Studierens ist vorbei, früher als gedacht, schließlich wollte ich ja ursprünglich bis Februar am IIPM bleiben. Aber die niedrigen Erwartungen wurden noch unterboten, das Niveau der Inhalte ging häufig nicht über zehnte Klasse hinaus und so beende ich dieses Kapitel ohne eine einzige Klausur geschrieben zu haben. Die Kurse kann ich mir freilich trotzdem anrechnen lassen.

Heute standen noch einmal zwei Präsentationen auf dem Plan durch die ich mich kämpfen musste nach einer durchzechten Nacht. Geiler Club, Fünf-Sterne Hotel, Party bis zum Morgengrauen. Zuerst dachte ich, die kostenlosen Häppchen wären als Durstanreger gedacht, eine Marketingstrategie, die allerdings sinnlos verpufft, wenn sämtliche Drinks kostenlos sind. Unfassbar, welchen Status man hier manchmal als Expat hat. Es war jedenfalls einer der besten Nächte hier, es gibt nichts zu bereuen, auch wenn ich mich bei der ersten Präsentation kaum noch auf den Beinen halten konnte!

Das war es also, Goodbye IIPM! Am Ende hätte ich mich fast noch mit einem Paukenschlag verabschiedet, meine Teilnahme am Debating Tournament hat aber nur zum undankbaren vierten Platz geführt. Ein halber Punkt mehr und ich hätte mich über eine Reise nach Singapore freuen können. Sei’s drum, die nächsten zwei Monate explodieren geradezu vor Reiseplänen. Am Montag geht es nach Gujarat: Dschungel, Löwen, Strand bei 30 Grad Sonnenschein – viele Grüße an das verschneite Winterdeutschland! Danach letzte Tage in Delhi, Mumbai, Goa, Kerala und je nachdem vielleicht noch mehr. Ich werde versuchen, euch darüber in angemessenen Abständen zu berichten.

Soviel zum Blick in die Zukunft, jetzt zu einem kurzen Rückblick:

Rishikesh

Kaum zurück aus Nepal gings am darauffolgenden Wochenende nach Rishikesh im Norden am oberen Flusslauf des Ganges. Die Stadt ist berühmt für Yoga und Meditation seit die Beatles dort eine kreative Schaffenspause eingelegt haben. Esoterik stand allerdings nicht auf dem Plan. Stattdessen: Rafting! Rasant die Stromschnellen hinunter und mittendrin ein Bad im heiligen Fluss einschließlich mehrfachen Sprüngen von meterhohen Felsen in die Fluten. Hat saumäßig Spaß gemacht!

Mandi

Während Delhi mit ohrenbetäubenden Donnerschlägen in eine kriegsähnliche Atmosphäre versetzt wurde, entschieden wir uns, Diwali, das hinduistische Lichterfest an einem ruhigeren Ort zu verbringen, zusammen mit der Familie unserer indischen Mitbewohner Akki und Nikhil: Eine Gelage, der besonderen, indischen Art. Ich kann mich nicht erinnern an einem einzigen Tag so viel gegessen zu haben. Insbesondere die indischen Süßigkeiten, ein gern gesehenes Geschenk zu Diwali, sind besondere Kalorienbomben: Butterkugeln, die nur so vor Fett triefen, süßes Zeug bis an die Schmerzgrenze. Am Abend dann haben wir die Dachterrasse mit Kerzen zum Leuchten gebracht und Raketen und Böller in den Nachthimmel geschossen. Und die Dinger sind nicht nur so ohrenbetäubend laut, dass sie jegliche EU-Verordnung zur Lachnummer verkommen lassen würden, sie sind auch nicht ungefährlich. Die Zündschnüre sind schon unverantwortlich kurz und die Raketen fliegen gerne in vollkommen unvorhersehbare Richtungen. Highlight war jedenfalls, eine Böllerbatterie mit tausend Kanonenschlägen in Folge bis uns die Ohren rasselten. Spirituell wurde es davor auch noch ein bisschen als wir am aufwendig geschmückten Hausaltar der Göttin des Geldes ein paar Rupees gespendet haben. Mal sehen ob sich dieses Investment zukünftig auszahlt;-)

Tags darauf dann ein Ausflug in die Berge, eine fantastisch gelegene Lodge, an der wir die Nacht am Lagerfeuer verbrachten – nur die Gitarre hat gefehlt. Zum Ausgleich konnte ich mich im klarsten Sternenhimmel meines Lebens verlieren.

Pushkar

Neben der Reise nach Nepal, der außer Konkurrenz läuft, war das wahrscheinlich der beste Trip. Dabei hatten wir uns mit dem Datum leicht verschätzt, denn unser ursprüngliches Ziel war der camel fair, ein einwöchiges, chaotisches Spektaktel der Extraklasse mit zehntausenden Kamelen. Wir waren zum Eröffnungswochenende da, mussten dann aber schnell feststellen, dass die eigentlichen Attraktionen erst im Lauf der darauffolgenden Woche starteten. Trotzdem bleibt der Aufenthalt im Wüstenort Pushkar ein bleibendes Erlebnis, auch deswegen weil fast die komplette Mannschaft aus Shivalik am Start war. Es war in anderen Worten ein großer Familienausflug: Gemeinsames Kamelreiten, gemeinsames Schlendern über den Markt, gemeinsames Beisammensitzen zum Abendessen. Das beste waren allerdings die Motorräder und Scooter, die wir uns ausgeliehen haben. Für mich war es das erste Mal auf so einem Ding und es macht echt höllisch Spaß sich durch den dichten Verkehr zu schlängeln und lahme Touristen gnadenlos aus dem Weg zu hupen. Sonst war es ja immer ich, der zur Seite springen musste, diesmal war ich auf der anderen Seite. Nebenbei konnten wir so ein bisschen das Umland erkunden, eine Landschaft, die ein bisschen an die Savanne in Afrika erinnert. Auf den Staubpisten lässt es sich einfach herrlich cruisen! Ein Erlebnis, das nach Wiederholung schreit!

Amritsar

Party bis zum Morgengrauen und ab in den Bus nach Amritsar, wo sich eine der größten Sehenswürdigkeiten Indiens befindet: Der goldene Tempel, gleichzeitig größtes Heiligtum der Sikhs. Selten habe ich einen einladenderen und spirituelleren Ort erleben dürfen. Man ist als Gast hochwillkommen. Kost und Logis – alles kostenlos im Tempel. Und was ist das für eine Küche, die jeden Tag durchgängig für bis zu 40.000 Menschen kocht? Unfassbar, diesem geschäftigen Treiben zuzusehen! Unfassbar auch die Tempelanlage mit dem Heiligtum inmitten des „Nektarteichs“. Die Atmosphäre der ersten Sonnenstrahlen, die sich über die Anlage werfen, war das frühe Aufstehen definitiv wert. Das einzige, was erwartet wird, ist das Tragen einer Kopfbedeckung und der Verzicht auf Fußbekleidung. Letzteres war aufgrund der niedrigeren Temperaturen und den kalten Steinböden tatsächlich ein Opfer, das zu erbringen war. Dann aber konnten wir an allen Zeremonien teilhaben, das Gelände frei erkunden und mit freundlichen Sikhs über Leben und Religion philosophieren. Ein wirklich schönes Erlebnis! Konterkariert wurde es aber durch einen Besuch der pakistanischen Grenze: Jeden Tag zu Sonnenuntergang gestalten Soldaten beider Partei eine gemeinsame Choreographie mit Scheinkämpfen. Beim Marschieren werfen sie die Beine dabei bis fast an die Stern, während sie mit ihren seltsamen Hahnenhüten denkbar lächerlich aussehen. Es ist ein Spektakel, bei dem einem vor Verwunderung die Spucke wegbleibt. Auf beiden Seiten des Grenzübergangs befinden sich zwei Arenen und tausende Inder und Pakistani brüllen sich gegenseitig an. Hindustan Sindabad – Hoch lebe Indien. Es ist eine riesengroße Party, die die Zuschauer in Ekstase versetzt, und als Unbeteiligter greift man sich an den Kopf und wundert sich angesichts der Tatsache, dass die Beziehungen zwischen beiden Ländern mehr als angespannt sind. Ist dieses Treiben nun kontraproduktiv oder soll man sich freuen, dass beide Parteien daran gleichzeitig teilnehmen? Wahrscheinlich ist es einfach nur vollkommen durchgeknallt, Indien eben;-)

And what about Delhi?

Es gibt zu viel zu berichten, ich werde das hier nicht alles unterbringen können. Hier ein Versuch: Zunächst haben wir seit einigen Wochen ein Kätzchen, das wahlweise auf den Namen Puffolo oder Atzekatze hört: Mein erstes Haustier! Dann gab es German Dinner, bei dem ich unter anderem für 30 Leute Schnitzel gebraten habe, es gab die Schlumpfparty bei der wir uns von oben bis unten mit blauer Farbe beschmiert haben, es gab so vieles! Manches ist an dieser Stelle auch nicht unbedingt interessant, deswegen belasse ich es vorerst dabei. Es ist auch für den Moment genug zu lesen, hoffe ich!

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Nepal-Tagebuch, Teil 2

6.10.2010 Ein Nicht-Tag

Today didn’t happen! Punkt! Ein vollkommen vergeudeter Tag sinnlosen Wartens, der nach stundenlangen Warten doch gestrichen wurden. Die Ausreden waren teilweise haarsträubend: Es müssten erst die Vögel von der Landebahn geschossen werden – davon war allerdings nichts zu hören. Am Ende saßen wir sogar im Flieger, voller freudiger Erwartung: Dann steigen die Piloten aus, nur um 10 Minuten später wieder zurückzukommen und am Ende dann deswegen nicht zu starten, weil der Rückflug nach Lukla wegen der hereinbrechenden Dunkelheit dann nicht mehr möglich gewesen wäre. Chapeau! Dazu kommt die Mitteilung, dass wir nicht etwa für einen der frühen Flüge für morgen eingeteilt werden, sondern uns wieder am Ende der Warteliste befinden werden. Das sind die Schattenseite des Individualtrekkings: Man besitzt nicht die Machtposition großer Touristikunternehmer, die für ihre Kunden immer Priority-Tickets auftreiben, die eigentlich gar nicht existieren. Wir sind jedenfalls stinksauer! Von großem Pech zu sprechen wäre allerdings übertrieben: Bei schlechten Wetterbedingungen ist es hier keine Seltenheit, tagelang auf einen Flug warten zu müssen. Wir hoffen auf morgen….


7.10.2010 Es geht endlich los!

Die Überschrift sagt es, einen Tag später funktioniert alles, was tags zuvor noch ausgeschlossen schien. Anstatt bis zum Mittag warten zu müssen, vermittelt uns unsere Airlineansprechpartnerin „Mandy“ bereits für halb acht einen Flieger – eine Reisegruppe ist nicht rechtzeitig erschienen. Was für Idioten – uns freuts! Bei den chaotischen Verhältnissen am Flughafen von Kathmandu ist es andererseits nahezu ausgeschlossen, einen Flug zur geplanten Zeit zu bekommen. Early birds haben bessere Chancen, weswegen wir schon um 6 Uhr morgens auf der Matte standen, um die Airlinemitarbeiter, allen voran Mandy, ständig mit Fragen zu löchern. Nur so läufts!

Und dann sitzen wir endlich im Flieger, die Motoren starten und mir wird ein bisschen mulmig: Lukla hat eine Reputation als gefährlichster Flughafen der Welt, und einer der kleinsten, so dass er nur von Kleinflugzeugen angeflogen werden kann. Jetzt ist es für Planänderungen allerdings zu spät, die Motoren starten, wir beschleunigen, heben ab: Das Abenteuer beginnt! Endlich! Wir gewinnen rasch an Höhe und bereits nach kurzer Zeit genießen wir ein erstes atemberaubendes Panorama. Linkerhand tauchen die ersten schneebedeckten Giganten des Himalaya in unserem Blickfeld auf. Der Flug nach Lukla ist somit sicher einer der spektakulärsten Linienflüge der Welt! Nichts allerdings ist abenteuerlicher als die Landung: Wir streichen knapp über einen Bergrücken, um dann in den rasanten und abrupten Landeanflug überzugehen. Ein Blick auf die winzige Landebahn lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Die Maschine schaukelt bedenklich und eine Fehleinschätzung von nur wenigen Metern würde unweigerlich zur Katastrophe führen: Dann würde unsere Dornier in jedem Fall an einem der umgebenden Felsen zerschellen. Dabei ist die Landebahn so kurz, dass der Bremsvorgang nur aufgrund der Aufwärtsneigung gelingen kann.

Ein Raunen der Erleichterung geht folglich durch das Flugzeug als wir erfolgreich aufsetzen. Unsere Euphorie kennt nun keine Grenzen, nach Tagen des Wartens und Reisens sind wir endlich am Ziel: Die Zeitrechnung wird zurück auf Null gestellt. Die Eroberung des Himalayas kann beginnen! Davor allerdings ein kurzes Frühstück, Brot, Momos, Eier und dann raus aus Lukla. Wir legen direkt ein Höllentempo vor, unsere Füße fliegen geradezu erfasst vom Hauch der Freiheit, befreit von den Fesseln moderner Verkehrsmittel, die sie so lange in eine unerträgliche Warteposition gequetscht haben. Wir können es nicht erwarten, die kleinen Siedlungen nach Lukla hinter uns zu lassen, um endlich richtig eintauchen zu können in die dramatisch schöne Landschaft des Himayala. Wir folgen einem Flußlauf, überqueren lange auf den ersten Blick wenig vertrauenserweckende, aber doch sehr stabile Hängebrücken, passieren rauschende Wasserfälle. Die angegebene Zeit zum Erreichen des ersten empfohlen Halts, Phakding, pulverisieren wir. Anstatt dort anzuhalten, gönnen wir uns eine kurze Pause mit einer Tasse Chai im warmen Sonnenlicht. Dann geht es weiter. Wir lassen uns mitreißen, sind erfüllt vom Glück, uns endlich in dieses Abenteuer stürzen zu können. Also laufen wir weiter, bis dann doch irgendwann die Knie schmerzen von den vielen kleinen An- und Abstiegen und mein Rücken sich über das Gewicht des Backpacks zu beschweren beginnt. Bin ich froh, dass ich nur das nötigste dabei habe! Die meisten lassen sich hier ihr Gepäck von Portern durch die Gegend tragen. Faszinierende Männer: trotz ihrer schmalen Statur tragen sie ohne weiteres Lasten von 30 bis 40 kg die steilen Berghänge hinauf. Neben den Yaks sind sie damit das einzige verfügbare Transportmittel. Wir wollen aber Geld sparen, unabhängig sein und die Herausforderung suchen, obwohl wir uns nach unseren ersten Wochen in Indien durch die weitgehend vegetarische Kost stark geschwächt fühlen. Wir beide haben einige Kilos verloren.

 

So laufen wir weiter bis zur letzten Lodge vor dem morgigen Anstieg nach Namche Bazaar. Edo und ich strecken die müden Beine von unseren Körper, sprechen über Berlusconi, Gott und die Welt, und das Leuchten in unseren Augen, die Vorfreude, auf das, was vor uns liegt, scheint in diesem Moment der Rast stärker als je zuvor zu sein: Wandern, auch in Gemeinschaft, kann ein einsamer, stiller, konzentrierter Prozess sein, das habe ich bereits in den schottischen Highlands gelernt. Man fokussiert sich ganz auf ein festgesetztes Ziel, ignoriert die schmerzenden Beine, versucht alle störenden Gefühle, den Ballast der Welt abzuschütteln: Ist es eine Begegnung mit sich selbst oder dem Selbst, das man gerne wäre? Der Versuch, ein anderer zu sein, für einen Moment, indem man eine fast mystische Verbindung mit der Natur eingeht. Nur dann selbstverständlich, wenn man versucht, an seine Grenzen zu gehen. Die mächtigen Gipfel sind dazu eine stille Herausforderung, ihrer Anziehungskraft kann man sich kaum entziehen, wenn man einmal in ihre Welt eingetaucht ist.


Montag, 25. Oktober 2010

Nepal-Tagebuch: Die ersten Tage

Alles startet mit einer Idee im Kopf, etwas, das sich tief in den Windungen unseres Denkorgans festbeißt, uns nicht mehr loslässt. Ein Gefühl, das uns packt: Das ist es! Das will ich! Momente der Klarheit. So ging es mir, als ich den LonelyPlanet über Trekking in Himalaya in die Hände bekomme. Ich, der den Bergen bisher keinerlei Beachtung geschenkt hat, ich dessen einziger Trekking-Trip bis dato durch das vergleichende Flachland der Highlands geführt hat. Aber da ist etwas, der magische Ruf der Giganten des Himalayas, der durch die Seiten des Buches schlägt und mich erreicht, tief, bohrend, ungeduldig. Und gibt es einen besseren Ort, dem Chaos Delhis während der Commonwealth Games zu entkommen. Und wann werde ich jemals wieder zur besten Reisezeit, Oktober, so nah an Nepal sein. Es riecht nach einer einmaligen Chance. Eine Entscheidung überflüssig! Und mit Edoardo habe ich einen Kumpel an der Seite, der sich, was die Berge betrifft, bestens auskennt, der vor Begeisterung glüht, wenn das Gesprächsthema auch nur ansatzweise über 2000 Höhenmeter hinausgeht. Es war sein LonelyPlanet. 

 

3.10.2010 – Vorgeplänkel           

Wir lachen, lachen über den Inder, der uns erzählt, es sei besser, wir würden ohne Planung nach Nepal fahren, einfach selbstbewusst sein, sich nicht so viele Gedanken machen, das sorgt einzig dafür, dass Dinge schief gehen. Es klingt verrückt, eine solche Haltung an den Tag zu legen, schließlich wollen wir nach oben, ganz oben, 5500 Meter, Himalaya, das Dach der Welt, da sind vorbereitende Maßnahmen obligatorisch. Also lachen wir – und wollen alles anders machen. Aber am Ende, tun wir es (fast) genauso wie es uns empfohlen wurde. Zunächst ist da der Faktor Zeit. Wer am Mittwoch entscheidet, spätestens am Sonntag zu fahren, dem bleibt relativ wenig davon. Wenn man sich dann noch in Indien befindet, dem Land, in dem selbst kleine Besorgungen einen ganzen Tag verschlingen können, dann steht man vor einem unlösbaren Problem. Es kommt, wie es kommen muss, alles geht schief. Es gelingt uns lediglich, Trockenfrüchte aufzutreiben. Ausrüstung, Wanderklamotten, Visa-Registrierung, Zugticket – ohne Erfolg. Letzteres ist besonders ärgerlich. Unser booking agent verspricht uns hoch und heilig, Zugtickets für die grenznahe Stadt Gorakhpur über das Last-Minute-Kontigent zu ergattern. Wir machen einmal mehr den Fehler uns darauf zu verlassen und hören am Freitag-Abend das uns so verhasste „So sorry, Sir“. Hat wohl verschlafen der gute Mann, whatever! Ein so frühes Scheitern – ausgeschlossen! Wir loten die Möglichkeiten aus. Wir müssen los – so schnell wie möglich. Trampen! Samstag Vormittag geht’s los, ein Tag früher, voller Vorfreude. Aber: Es ist Ghandis Geburtstag, nationaler Feiertag. Und so sind keine Trucks unterwegs. Wir stehen da mit unserem Schild „Lucknow“ und treffen auf eine Wand des Unverständnisses. Blicke voller Fragezeichen werden uns entgegen geworfen. Was wollen diese seltsamen Ausländer bloß, Bushaltestelle und Fernbahnhof sind doch so nah. Trampen ist in Indien also eine unbekannte Praxis. Es bleibt uns nichts anderes übrig, wir greifen zum letzten Mittel: Öffentlicher Bus!

 


4.-5.10.2010 – Die Dinge kommen ins Rollen

2 Tage später: Kathmandu, Hauptstadt Nepals. 27 Stunden im Bus von Delhi nach Gorakhpur auf harten Sitzen mit minimaler Beinfreiheit, weitere 7 Stunden an die Grenze. Dort die erste Erleichterung: Wir werden nicht einmal hingewiesen auf die fehlende Registrierung unseres Visas. Eine kurze Nacht im Hotel. Aufstehen um fünf Uhr morgens, ein kleiner Vorgeschmack auf den neuen Tagesrhythmus, der uns erwartet. Erster Bus nach Kathmandu. Und dann endlich: Auf halbem Weg schlägt der Reisestress in Reiseglück um: Wir sitzen auf dem Dach unseres Busses und donnern in wilden Kurven die erstaunlich gute Strasse nach Kathmandu entlang eines Flusses und Berghängen, die in vollem Grün stehen: Ein erster Hauch der Schönheit Nepals! Wir fühlen uns frei, jetzt scheint alles möglich. Während  der Fahrtwind mir ins Gesicht bläst packt mich dieses wahnsinnige Abenteuer- und Reiselust. Wir erobern Kathmandu auf dem Dach eines Busses, das ist Reisen ultimativ, so steht es im Bilderbuch.

Der nächste Tag: Sightseeing und Shopping in Kathmandu. Wir schlagen uns durch den Stadt- und Verkehrsdschungel, der uns nach Varanasi nicht extrem vorkommt. Wir lassen uns beinahe zu Lobeshymnen über die Sauberkeit der Stadt hinreißen. Nun, das ist natürlich übertrieben. Wir bekommen alles, was wir für unsere Reise brauchen, zu Preisen, die angesichts der Tatsache, dass es sich ausnahmslos um Nachahmerprodukte handelt, bestenfalls angemessen vorkommen - trotz knallharten Handelns. Unser Viertel, Thamel, ist eine Touristenhochburg. Ein bisschen lassen wir uns daraufhin von den Tempeln der Stadt verzaubern, besonders aber vom Essen: Endlich Beef! Auf meine Frage, was hier den vegetarische Momos (diese köstlichen, gefüllten, tibetanischen Teigbällchen) kosten, entgegnet man mir mit Unverständnis: Wir verkaufen hier nur Beef-Momos. Nach Wochen vegetarischen Darbens in Indien können wir unser Glück nicht fassen. (Entschuldigt diesen Kommentar: Ich wende mich nicht gegen die vegetarische Lebensweise, respektiere diese Einstellung über alle Maßen, insbesondere aus einem ökologischen Standpunkt. Aber ich habe einfach eine Schwäche für den Fleischgenuss.)

Am Nachmittag dann noch ein weiteres „Highlight“: Zum ersten Mal in meinem Leben bekomme ich eine Göttin zu Gesicht, leibhaftig, lebend. Und doch ist mein erster Eindruck alles andere als Ergriffenheit, ihr Anblick erfüllt mich mit Mitleid. Ein religiöser Altherrenrat wählt jeweils das kleine Mädchen, das äußerlich einer Göttin am ähnlichsten kommt. Und dieses arme Geschöpf muss sich dann täglich an einem winzigen Fenster Touristen und Verehren zeigen, die andächtig klatschen oder sich sogar vor ihm auf den Boden legen. Beim ersten Anzeichen der Menschlichkeit, Blut, spätestens also bei der ersten Regel, wird die Göttin abgesetzt und ist fortan zu einem Leben in Einsamkeit verdonnert. Eine Ex-Göttin zu heiraten verheißt nämlich großes Unglück für den Ehegatten. Anstatt also dieses Spektakel zu beklatschen, denke ich an etwas anderes: Das ist Kindesmissbrauch. Ein unfassbar blödes Schauspiel. Ich erlaube mir diesen Kommentar auch ohne tiefgehende Kenntnisse über die religiösen Gepflogenheiten in Nepal. Diese Praxis wirkt auf mich einfach falsch!

Abends leisten wir uns in Erwartung von Magerkost während der kommenden Wochen ein fabelhaftes Dinner: Koreanisch! Auf einem Gasgrill in der Mitte des Tisches braten wir uns dünne, dunkelrote Rindfleischscheiben genauso lange, wie es uns am besten schmeckt. Dazu Reis und ein breites Gemüse- und Salatangebot. Ein großartiger Schmaus! Morgen wollen wir in den Flieger nach Lukla steigen, dem Startpunkt unserer Trekkingtour!

Kommentare für alle und zwar umsonst!

Hab vergessen die Kommentarfunktion auch für nicht registierte Benutzer freizuschalten. Hoffe es fühlt sich niemand mehr ausgeschlossen - also haut rein in die Tasten!

Globalised - finally!

Endlich, endlich, endlich - nach zwei Monaten und meiner Rückkehr aus Nepal haben wir INTERNET. Das macht vieles leichter. Sehen könnt ihr das zuallererst am neuen Blogdesign. Ich hab mich mal wieder ein bisschen an Photoshop verspielt;-) Der Header ist etwas überladen geraden - aber hey, das passt zu Indien wie die Faust aufs Auge. Problem nahin hai - It's no problem. In den nächsten Tagen werde ich schrittweise mein Nepaltagebuch nebst Bildern hochladen. Freut euch auf einen ausführlichen, mitreißenden Reisebericht (ich hoffe mal, ich versprech da nicht zu viel;-) 

Ansonsten haben für mich fast alle Kurse begonnen, aus finanztechnischen Gründen erwartet mich ein ruhiger, fleißiger November, in dem ich hoffe, so etwas wie ein Gefühl des Heimischseins in Delhi zu etnwickeln. Bis jetzt war das alles zu sehr eine turbulente Achterbahnfahrt, die mir kaum Zeit ließ meine Gedanken zu ordnen. Ständig werde ich gefragt, wie mir Indien, wie mir Delhi gefällt, und wenn ich ganz ehrlich bin muss ich sagen: I don't know! Ich hatte schlicht keine Zeit, mir darüber groß den Kopf zu zerbrechen. Bis jetzt wars ne geile Zeit aus tausenderlei Gründen, aber ob ich mein Herz an diese Stadt, dieses Land verliere, das kann ich erst wissen, wenn ich tiefer eingetaucht bin. Mein Gefühl sagt mir dennoch, dass die Chancen dafür nicht schlecht stehen. Die meisten sagen, man könne Indien nur lieben UND hassen, je nach Tag, Laune, Begegebenheit. Es sind die Spannungen, die Gegensätze, die leuchtenden Farben und der graue Smog und Dreck, das ständige stundenlange Warten und die unfassbare Ungeduld der Inder, die glühende Sonne und der sintflutartige Monsun, die Spiritualität und die Geldgeilheit, brachiales Feilschen um alles und Offenherzigkeit, luxuriöse Shopping Malls und schäbige Thalirestaurants, die höchsten Berge und die schönsten Strände (und dazwischen die Tiger im Dschungel)....Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen, und ihr merkt sicher, dass da nicht ohne Grund ein beträchtliches Maß an Faszination durchschlägt bei mir. Und so viel ist auf jeden Fall wahr: Dieses Land hat mir den Kopf verdreht, mich von oben gepackt und durchgeschüttelt, mir keine Ruhe gegönnt und kaum Schlaf gelassen. Is it love? 

Dienstag, 28. September 2010

Nach ganz oben!

Crazy, crazy India, was verdrehst du mir doch den Kopf! Und nun verlasse ich dich fuer drei Wochen! Es ist entschieden, endgueltig, unumstoesslich, final! It's like a once in a lifetime chance: Das Dach der Welt - Das Himalaya! Zwei, drei Reisetage werden wir vielleicht brauchen, um den Trekkinghimmel, um Kathmandu zu erreichen. Ich kann euch nicht sagen, wie sehr die Vorfreude schon heiss durch meine Adern schiesst. Alles fuer diesen einen Moment, auf ueber 5000m Hoehe mit freiem Blick auf den Mount Everest. Das koennte, nein, das wird das groesste Abenteuer meines Lebens, ein gigantisches Spektakel der Naturgewalten. Edoardo hat diese Idee in meinen Kopf eingepflanzt. Es war sein Lonely Planet mit 30 Treks durch Nepal, den ich gestern Abend verschlungen habe. Jetzt ist mir klar: Es gibt keinen besseren Ort auf dieser Welt, um die Berge zu erleben. Ich ueberspringe die mickrigen Alpen und gehe direkt dorthin, wo alle Superlative gesprengt werden. Nicht fuer das Risiko - keine Kletteraktionen! - sondern fuer das ultimative Erlebnis, die Freiheit, das Abenteuer! Das Fieber hat mich gepackt! Am Sonntag gehts los und es ist noch so viel vorzubereiten, denn ich habe natuerlich fast nichts dabei. Und auf einen indischen Ratschlage moechte ich mich dann doch nicht verlassen: Plane nichts, sondern sei selbstbewusst! Denn wer anfaengt zu planen, der zeigt Schwaeche. Und wer schwach ist, der macht Fehler! Irgendwie kommt mir dieses Prinzip bekannt vor, scheint ein weit verbereitetes, indisches Lebensmotto zu sein. Wer wundert sich da noch ueber die katastrophale Organisation der CommonwealthGames. Fuer mich jedenfalls ein Grund mehr abzuhauen, um diesem Chaos zu entrinnen.

Montag, 27. September 2010

Shivalik for life!

Shivalik A335 (unser Haus) - kurz einfach nur: Shivalik - kann feiern und wie! Nachdem ich die House-Warming-Party letztes Wochenende ja leider verpasst habe, gings dieses Wochenende in die zweite Runde. Motto diesmal: Toga! Also haben wir uns schwarze Stoffbänder um die Schultern geworfen und selbsgemachte Lorbeerkranzimitate ins Haar gesteckt. Als ich solchermaßen würdevoll gekleidet in unser Wohnzimmer stolzierte, staunte ich nicht schlecht, lauter Leute und ich kenne niemand. Wahnsinn! Der Kühlschrank voller Bier und Rum - Es kann losgehen. Und es war ein rauschendes Fest bis in die frühesten Morgenstunden. Vom Partykeller bis zur Dachterrasse - ich liebe dieses Haus. Es ist teuer, unfertig, unkommunikativ (kein Internet), aber dann eben auch riesengroß, voller partywütiger Mitbewohnern und - hallo - es hat ne Dachterrasse: Muss ich mehr sagen? And it's our open house: Alle Türen offen, keine Schlüssel vorhanden! Sympathisch und bis dato unproblematisch!

Und dieses Wochenende musste das alles auch mal gebührend gewürdigt werden: Also habe ich ca. 90% des Restwochenendes auf dem Sofa verbracht, bei angenehmen Ventilatortemperaturen Schutz vor der wütenden Hitze gefunden und mich durch das letzte Drittel des tausendseitigen Wälzers gekämpft, der mich die letzten beiden Wochen in Atem gehalten hat: Shantaram. Die Lebensgeschichte eines Australiers, der aus dem Gefängnis flieht und im Exil zu einer Unterweltgröße in Bombay aufsteigt. Es ist einer der besten Romane, die ich je gelesen habe, ein klares, dennoch poetisches Englisch erzählt eine Geschichte, eine Biographie, die stets den Spannungsbogen auf dem Maximum hält ohne dabei doch dann und wann in interessante Details abzudriften, die ein reiches Bild dieses faszinierenden Stadt Bombay und den indischen Eigenheiten zeichnen. Ich muss dahin - auf jeden Fall! Und euch empfehle ich allen Shantaram zur Lektüre, falls ihr mal Zeit und Muse für ein längeres Buch habt. Es lohnt sich!

Vorerst steht allerdings nicht Mumbai auf dem Reiseplan, sondern wahrscheinlich Nepal und das Himalaya. Noch ist nichts entschieden und gerade heute erreichte mich die Nachricht, dass unsere Ferien vom IIPM vielleicht doch von zwei auf eine Woche schrumpfen. Aber ich habe keine Lust, diese Planänderung ernstzunehmen und habe entschieden, auf jeden Fall einen längeren Trip zu unternehmen. Was wäre denn, wenn ich schon gebucht hätte? Auf die Organisation hier jedenfalls kann man keinen Pfifferling setzen und deswegen hilft nur eines: Selbstständig entscheiden und sich nicht aus der Ruhe bringen lassen! Mal sehen, was das IIPM mir diese Woche noch so auftischt: Gerade war ich in einer Vorlesung über Derivatives, Options and Futures. Ich dachte, es kann nicht schaden, sich mal ein bisschen näher mit den Begriffen des Investmentbankings auseinanderzusetzen. Stattdessen hätte ich mich mal vorher lieber mit den basics auseinandergesetzt, um in dem Begriffsdschungel den Überblick zu behalten. Die Vorlesung drehte sich jedenfalls um Beta-Hedging. Beta und Hedging - alles klar! Tja, so ein bisschen was habe ich dann doch verstanden. Der Betawert signalisiert die Stärke der Reaktion des Portfolios auf Marktveränderung und mittels kann der Betawert auf 0 gebracht werden. Das entspricht dann einer maximalen Portfolioabsicherung, gewährleistet mittels Termingeschäften, die sich invers zur Marktänderung verhalten. Macht Sinn, aber ob das dann wirklich eine hunderprozentige Sicherheit bietet, wie unser Prof. meinte - ich zweifle dran! Aber vielleicht habe ich auch mal einfach wieder die Hälfte missverstanden bei dem miserablen Akzent. Unser Favorit ist in dieser Hinsicht übrigens das schöne Wort "Questionnaire" - aus indischen Mündern klingt das wie: kuschnärr - und das soll ich dann nach über einem Jahr England verstehen. No way, lads!

Mittwoch, 22. September 2010

Ein Hauch des wahren Indiens


















Varanasi war das Klischee des indischen Chaos, im Herzen Indiens habe ich nun aber eineAhnung des wahren Indiens bekommen, sofern das in diesem Riesenland, das eigentlich ein ganzer Subkontinent und Schmelztiegel verschiedenster Kulturen ist, überhaupt möglich ist. Dennoch habe ich in der saftig grünen Hügellandschaft von Madhya Pradesh eine vollkommen neue, faszinierende Seite dieses Landes zu sehen bekommen, die sich wohltuend von den verstopften und überbevölkerten Großstädten abhebt. Erstes Ziel war Kajuraho, bekannt für seine hervorragend über tausend Jahre alten Tempelbauten, deren besonderes Merkmal zahlreiche Skulpturen aus dem Kamasutra sind, die die Aussen- und Innenwände der Tempel schmücken. Das umgebende Dorf war angenehm klein, die Versuche, uns in Läden oder Rickshaws zu ziehen, dementsprechend wenig, nur ein Touristenführer wollte nicht so schnell klein beigeben. Stattdessen leisteten wir uns einen Audioguide, der ohne Zweifel der mit Abstand schlechteste war, den ich bis dato zu Gehör bekommen habe. Da es sich um eine Kassette handelte, konnte man nur vorspulen und musste sich daher sklavisch an den vollkommen unlogisch aufgebauten Wegplan halten. Egal, viel schöner und noch idyllischer gelegen als die berühmten Tempel der Westgruppe, war ohenhin die Ostgruppe, die wir mit geliehenen Fahrrädern zurücklegten. Was für ein fabelhaftes Gefühl endlich mal wieder auf einem Sattel zu sitzen! 

Am frühen Abend dann stiegen wir in den Nachbus nach Indore, ein hervorragender Ausgangspunkt für die Erkundung des Westens von Madhya Pradesh. Wir leisteten uns den Luxus eines Bettes  für 50 Rupien Aufpreis, dessen Komfort allerdings durch den katastrophalen Zustand der Straßen und demenstprechend starken Schwanken und Ruckeln des Busses stark eingeschränkt war: Wir fühlten uns eher wie im Sturm auf hoher See denn als Könige der Straße, während wir durch die majestätische Landschaft gen Westen rumpelten. Von Indore aus benötigten wir weitere 5 Stunden nach Mandu, einem malerischen auf einem Plateau gelegenen Dorf voller faszinierender Bauten im Stile der afghanischen Architektur. Insbesondere der Palast und die ihrem berühmten Pendant in Damaskus nachempfundene Moschee, die eine der schönsten ganz Indiens ist, ließen uns mit ungläubigem Staunen zurück. Ebenso begeistert waren wir von der Atmosphäre Mandus: Keine Autorickschwas, keine Touristguides, herrliches Wetter und eine fast göttliche Ruhe. Was für eine Entspannung! Was für ein Paradies! Und was waren wir für eine Attraktion: Praktisch jeder Einwohner und indische Tourist wollte uns auf einem Foto verewigen und nachdem wir mit ebenfalls geliehenen Fahrrädern einen am Straßenrand liegen gebliebenen Bus passierten wurden wir von den wartenden Menschen so stark umringt als wären wir die ersten Europäer, die ihren Fuß nach Mandu gesetzt haben. Nur die Kommunikation war fast unmöglich: Wir müssen definitiv Hindi lernen - und wir wollen einen Lehrer für unser Haus in Shivalik. Gestern Abend haben wir einen eingeladen - nur der kam nicht! Of course not! 


Es ist hier eben so: Man muss für alles viel mehr Zeit einrechnen als gewohnt. Auch das Reisen ist da keine Ausnahme: Sei es wegen der kaputten Straßen oder der langsamen, stets verspäteten Zügen. Während unserer fünftägigen Reise waren wir fast 70 Stunden in Bussen oder Zügen unterwegs, das entsüricht mehr als 50% der gesamten Reisezeit. Dass sich das gelohnt hat und wir diese Strapazen auf uns genommen haben, lag an den wunderschönen Orten. Der letzte davon war Orccha, traumhaft gelegen auf einer Flussinsel des Betwa, voller Tempel, Monumente und einem majestätischen Fort, von dem aus man einen dramatischen schönen Ausblick auf die umgebende Landschaft hat. Trotz eines saftigen Eintrittspreises für Ausländer von 250 Rupien pro Person (gegenüber 10 Rupien für Inder) waren die Monumente herrlich (?;-)) ungesichert und erlaubten ohne weiteres auch waghalsigere Kletteraktionen. Auch die Treppen in der Jahangir Mahal, bzw. die Mauervorsprünge, die als solche dienten, waren abenteuerlich, da einige der Stufen bereits abgebrochen waren und keinerlei Sicherungsvorrichtungen vorhanden waren. In Deutschland und ganz Europa wäre so etwas sicher unmöglich! Der schönste Moment war aber vielleicht ganz anderer Art und voller Entspannung - etwas außerhalb gelegen spazierten wir zu einem verlassenen Tempel, der von einer indischen Bauernfamilie bewohnt wurde. Wir wurden herzlich eingeladen und zu einer Tasse Chai eingeladen, hergestellt mit frisch gezapfter Büffelmilch! Wir konnten dabei zuschauen. Nach all den Versuchen, uns immer wieder übers Ohr zu hauen, war dieser seltene Moment der Gastfreundschaft ein besonderes Geschenk, das uns mit einem breiten Lächeln der Dankbarkeit auf den Lippen zurückließ. 

Am Abend wurden wir dann noch unfreiweillig in die Geburtstagsparty des Gottes Ganesha miteinbezogen. Unser Versuch einen mit Lautsprechern ausgestatten Traktor zu passieren, um den herum die Menschen hemmungslos und vollkommen ausgelassen tanzten waren hoffnungslos erfolglos. Wir wurden in den Strudel hineingezogen, zu Boden gerissen, zur Teilnahme an den ekstatischen Tanzbewegungen gezerrt und von obe bis unten mit Farbpulver besprüht. Es war eine Riesengaudi! - auch wenn unsere Klamotten davon fast ruiniert wurden. Weiterer kleiner Wermutstropfen: Die Mädels durften nicht mittanzen;-)

Zurück in Delhi wurden wir direkt vom sintflutartigen Monsun überrascht. Unsere Rickshaw steuerte rücksichtlos durch tiefe Pfützen, so dass wir unser Haus vollkommen durchnässt erreichten, aber gleichzeitig hochzufrieden nach den schönen Tagen in Madhya Pradesh und rechtzeitig wieder da, um die diese Woche beginnenden Kurse des zweiten und vierten Trimesters zu besuchen: Schwachsinn! Die, so wurde uns gestern eröffnet, und auch nur die des vierten Trimesters fangen frühestens Ende der Woche an, es existieren noch nicht einmal Stundenpläne. Der Start des zweiten Trimesters wurde vorsorglich direkt auf nach den Commonwealth Games Mitte Oktober verlegt. Der halbe November wird dank verschiedenster Feiertage ausfallen, Mitte Dezember sollen wir schon Prüfungen schreiben. Ich bin gespannt, wie das alles funtkionieren wird. Aber es wird, irgendwie, da bin ich mir sicher. 

Dienstag, 14. September 2010

Reisefieber!

Es kam einmal mehr alles anders als geplant. Mittwoch Abend, wir sind bereit, unsere Rucksäcke gepackt, es kann losgehen, wir glühen vor Vorfreude: Bald schon werden wir im Zug nach Varanasi sitzen. Der erste Rickshawfahrer, den wir anhalten, trübt unseren Optimismus: 300 Rupien verlangt er für die Fahrt zum Bahnhof. Mit einem müden Lächeln schicken wir ihn weg. Nachdem aber auch der zweite und dritte ähnlich hohe Summen fordern, kommen wir ins überlegen: Wo zur Hölle ist eigentlich dieser Bahnhof? Im booking centre direkt von unserer Haustür hat man uns versichert, der Bahnhof sei von hier aus in ca. 5 Minuten erreichbar. Ein angemessener Preis für eine solche Kurzstrecke wären vllt. 40 Rupien. Das passt nicht und die Rickshawfahrer betonen einer nach dem anderen, wie very far dieser Bahnhof ist. Langsam dämmert uns, dass wir uns nicht blind auf die Aussage des Buchungsassistenten hätten verlassen sollen. Zu spät, wir verpassen den Zug und eine andere Verbindung ist für diesen Abend unmöglich zu bekommen. In der Ubahn auf dem Weg zurück, erklärt uns eine Inder, dass die Eisenbahn nunmal die "lifeline" Indiens sei. Züge sind regelmäßig bis auf den letzten Sitz ausgebucht. Wer durch Indien reist, nutzt die Bahn! Und das Chaos und Gedränge vor den Ticketschaltern am Bahnhof bestätigt das nur zu gut. Kurzfristig ist es daher Glückssache, ob man noch einen der begehrten Plätze ergattern kann. Das Buchungssystem an sich ist dabei keine große Hilfe, sondern eine Wissenschaft für sich: 8 verschieden Klassen und unzählige Sonderkürzel sind auf den ersten Blick kaum zu entschlüsseln. Über das Internet gelingt es mir am selben Abend tatsächlich noch für den darauffolgenden Tag, Plätze in einem anderen Zug zu sichern. Unser Status "RAC -Reserved against Cancellation": Das ist besser als auf der Warteliste zu stehen, bei der einem niemand sagen kann, wie gut die Chancen stehen, die Fahrt antreten zu können. Wir haben zumindest die Sicherheit einsteigen zu dürfen, nur die Frage, ob wir auch ein Bett für die Nacht bekommen ist offen. Das ist allerdings bei einer Fahrtzeit von über 16 Stunden keineswegs irrelevant. Wer möchte eine solange Zeit schon auf harten Holzsitzen verbringen?

Nach all der Häme, die wir für unsere so undeutsche Unpünktlichkeit haben einstecken müssen, klappt es im zweite Anlauf: Wir erwischen unseren Zug, haben ein Bett und es kann mit einem Tag Verspätung endlich losgehen. Da wir nicht die unterste Klasse gebucht haben, ist unser Waggon klimatisiert - und wie! Ein eisiger Wind weht aus der Klimaanlage. Immerhin: Die Betten sind bequem und so vergehen die über 16 Stunden lesend und schlafend wie im Flug;-)

Dann Varanasi: Die heilige Stadt am Ganges entspricht exakt der Bilderbuchvorstellung von Indien. Hier wird kein Klischee ausgelassen. Der Verkehr ist noch eine Spur härter. Wild hupend stürzt sich unser Rickshaw-Fahrer in Verkehrsdschungel, der auch von zahlreichen Kühen bevölkert wird, die teilweise mit stoischer Ruhe mitten auf der Fahrbahn stehen, während sie von unzähligen Fahrrädern, Rickshaws, Motorrädern, Autos, Bussen umflutet werden. Hier sind alle Regeln aufgehoben, es zählt nur das Vorwätskommen, koste es, was es wolle. Inder, so kommt es mir oft vor, sind meistens sehr ungeduldig - das geordnete Schlangestehen haben sie sicher nicht von ihren britischen Kolonialherren übernommen - es wird geschubst, gedrängelt, geflucht, gehupt. Aber trotz dieser Ungeduld sind sie in allem, was sie tun, meistens unglaublich langsam. Diese Kombination ist zumindest gewöhnungsbedürftig und treibt einen regelmäßig auf die Palme. Zurück zu Varanasi: Unser Hotel ist direkt am Ganges, nur über die kleinen, angenehm schattigen Altstadtgassen erreichbar, die für den Verkehr gesperrt sind, ausgenommen Motorräder, was dafür sorgt, das ein angenehmes Schlendern vorbei an den zahlreichen Seidenläden fast unmöglich ist, da man ständig zur Seite springen muss und einem von dem ständigen Hupen, das in der Enge der Gassen noch potenziert wird, bald die Ohren Rasseln. Lernt man aber mit diesen kleinen Unannehmlichkeiten zurecht zu kommen, eröffnet sich dem Auge das farbenprächtige Kaleidoskop dieser unglaublich chaotischen und geschäftigen Stadt. Es vergeht keine Sekunde, in der man unbehelligt bleibt von den zahlreichen Verkäufern, Bootsbesitzern, Händlern und Touristenführern, die einem bei dem leisesten Anzeichen von Interesse durch die halbe Stadt folgen, die ständigen Abweisungen dabei geflissentlich ignorierend. Es ist fast unvermeidbar einem dieser Schlepper dann doch irgendwann zu erliegen. Nahe des Ghats, - so heißen die Zugänge zum Ganges - an dem die meisten Leichen nach hinduistischer Sitte verbrannt werden, lassen wir uns von einem angeblichen freiwilligen Mitarbeiter eines Hospizs herumführen und erklären, was es mit den Verbrennungen, den nun auf sich hat. Nicht verbrannt werden dürfen Leprakranke, an Vergiftung Gestorbene, Selbstmörder und Sadhus, die aufgrund ihres Heiligenstatus nicht mehr erlöst werden müssen. Als Gegenleistung für diese Informationen versichert er uns mehrfach, kein Geld annehmen zu wollen. Es wäre allerdings nett, den alten Frauen eine kleine Spende zukommen zu lassen. Am Ende der kurzen Führung soll dann aber doch jeder von uns - umgerechnet - mindestens 10 Euro spenden - das Holz für die Verbrennungen sei ja so wahnsinnig teuer! Überhaupt will in Varanasi jeder Geld für auch nur die kleinsten Kleinigkeiten: In einem winzigen nepalesischen Tempel sollen wir 10 Rupien bezahlen für die aufschlussreiche Erklärung: That is a bell! Klar doch, bitte, gerne, dankeschön. Im goldenen Tempel werden wir mit Blumenkränzen behängt und werden mindestens fünfmal aufgefordert, eine Spende zu geben. Einmal ist genug! Aber die Priester oder wer auch immer reagieren fast aggressiv, packen einen am Arm und verlangen eine Zahlung. Eine seltsame Mentalität für einen spirituellen Ort. 

Dem ganzen Trubel entkommen wir elegant am zweiten Tag auf einer Bootsfahrt entlang der Ghats. In der frühen Morgensonne um halb sechs (!!!) beobachten wir die Pilger bei ihrem Bad im Ganges und fragen uns, wie hoch deren Lebenserwartung wohl sein mag. Die für Badewasser zulässige Obergrenze von 500 Kolibakterien pro Liter wird vom heiligen Fluss locker übertroffen: Über 1,5 Millionen dieser Fäkalbaktieren finden sicher hier durchschnittlich in einem Liter. Wenig beruhigend wirkt auf uns daher auch die Erklärung unseres Bootsführers, dass Varanasi seine Wasserversorgung aus dem Ganges bezieht. Die schmächtigen Filtertürmchen wirken zumindest wenig vielversprechend. Was solls, Magenprobleme und Durchfall plagen mich im Grunde seit ich in Indien gelandet bin - und irgendwie habe ich mich fast schon dran gewöhnt. Wäre ja auch zu schade, auf das leckere Essen zu verzichten. Und davon gabs in Varanasi eine Menge. Das einsame Highlight neben den gewohnten indischen Köstlichkeiten, auf die ich demnächst mal näher eingehen werden, war allerdings der Apfelkuchen mit Vanilleeis in einer kleinen, idyllischen Pizzeria am Assi Ghat. Ich weiß nicht, ob ich jemals schon einen besseren hatte:-)

Leider muss ich meinen Bericht an dieser Stelle vorerst abbrechen, die nächste Fortsetzung gibts wohl erst nächst Woche, denn kaum wieder zurück in Delhi ziehts mich auch schon wieder weg. Die letzte Woche bevors hier richtig losgeht mit den Vorlesungen werde ich in Madhyar Pradesh im Herzen Indiens verbringen. Mit ein bisschen Glück werde ich auf den dort angebotenen Safaris ein paar Tiger zu Gesicht bekommen. Dann wirds auch endlich Fotos geben - habe meine Kamera leider zu Hause liegen lassen und kann deswegen die Varanasi-Bilder noch nicht hochladen!

Mittwoch, 8. September 2010

Varanasi!

Heilige Stadt am Ganges! Heute geht es los! Bis Montag werdet ihr wahrscheinlich nichts von mir hören, aber dann verspreche ich euch, endlich ein paar Bilder hochzuladen. Hier in der Unibibliothek, in der ich gerade sitze, gibt es eine ganz passable Internetverbindung, die das möglich machen sollte. Hier lässt sich auch hervorragend die Zeit totschlagen, wenn wie heute die Vorlesung unangekündigt entfällt. Aufgestanden um 7 Uhr morgens, halbtot in den Bus gequält, verzweifelt und vergeblich versucht trotz der Schlaglöcher ein bisschen Schlaf zu finden, nur um dann festzustellen, dass in der Cafeteria hier zu dieser frühen Zeit noch nicht mal die Kaffeemaschine in Betrieb ist - alles umsonst! Damn it! Gotta live with it though - it's India!

Dienstag, 7. September 2010

Moskito-Mania

Drei schlaflose Naechte, eine blutverschmierte Wand, unzaehlige Tote! Und dennoch: Der Krieg gegen die Moskitos ist nicht zu gewinnen. Fuer jedes im unerbittlichen Kampf um mein Blut gefallene Exemplar, ruecken mindestens drei neue Blutsauger an die Front vor. Inzwischen begnuege ich mich nur noch mit gelegentlichen Rueckzugsgefechten in der Hoffnung irgendwann einmal einzuschlafen: Zerstochen bin ich ohnehin. Aber es ist an der Zeit den Kampf mit neuen Mitteln wiederaufzunehmen: Moskitonetze, Insektenspray und was es da sonst noch so gibt - Die muessen irgendwann aufgeben! Ich hoffe nur, dass ich mir bis dahin nicht noch irgendwas einfange. Mein Zimmernachbar liegt seit nun schon drei Tagen mit Dengue-Fieber (uebertragen von Moskitos) im Krankenhaus. Das ist wirklich Pech!

Montag, 6. September 2010

Indien und Komfort - Daran scheiden sich die Geister!

Warum wie Gott in Frankreich leben wollen, wenn man wie Krishna in Indien leben kann? Zugegeben unserer Unterkunft fehlt es immer noch an einigem, was man grundsätzlich als obligatorisch betrachtet: Internet, Kühlschrank und Hausschlüssel. In einem Zimmer funktioniert noch nicht einmal die Toilette! Und so werden wir Tag für Tag auf den nächsten vertröstet.

Aber es ist gibt auch positive Seiten, die ich in Deutschland möglicherweise vermissen werde: Unsere Haushälterfamilie, der an dieser Stelle ein Extralob gebührt. Nett, freundlich, zuvorkommend, hilfsbereit kümmern sie sich um alles, was anfällt und um das man sie bittet nebst einiger Sondereinkaufstouren. Dank einer solchen verfügt mein Zimmer nun auch endlich über einen Vorhang. Yeyyy! Endlich keine störende Morgensonne mehr! Putzen, Wäsche machen, Abspülen - alles übernehmen unsere fleißigen Helferlein. Zugegeben: Das ist schon manchmal ein komisches Gefühl, aber auf jeden Fall ziemlich komfortabel! Und wenns mal doch nicht ganz so sauber ist, kann man ja zur Beruhigung des schlechten Gewissens selbst ein bisschen nachhelfen;-)

Ok, genug der Dekadenz! Morgen geht es nach Varanasi, der heiligen Stadt am Ganges! Ich freue mich auf Nachtzug, dritte Klasse, 14 Stunden! Die Meinungen ueber indische Zuege variieren von katastrophal und nur in der ersten Klasse halbwegs ertraeglich bis hin zu auch in der letzten Klasse noch komfortabel genug, um nachts geruhsamen Schaf zu finde. Kurzum: Ich bin gespannt!

Daran gewoehnen werde ich mich aber ohnehin muessen, weil Reisen in Indien sonst nur noch spartanischer (Bus) oder zu teuer (Flugzeug) ist. Ein weiterer Trip ist uebrigens schon gebucht: Weihnachten und Sylvester verbringe ich am Strand von Goa. Beachparty unter Palmen zum Jahresanfang - I couldn't be more excited!


Freitag, 3. September 2010

Krank!

Ja, leider ja, mein guter Magen laesst mich heut im Stich und zwingt mich kuerzer zu treten. Aber so ein Tag Pause ist vielleicht auch ganz gut. Es ist jetzt auch nicht so, dass ich den ganzen Tag ueber der Kloschuessel haenge.
Aergerlicherweise werde ich dadurch vielleicht die beste Pizza Delhis verpassen, man munkelt, dass sie sogar weltmeisterliche Qualitaeten hat. Aber ich bin ja noch etwas laenger hier!
Vielleicht muss ich auch den Tribut fuer die letzten beiden exzessiven Feiernaechte zollen. Die Schuppen hier sind jedenfalls superedel - und irgendwie fuehle ich mich da fast ein bisschen unwohl, wenn ich nachts um 4 in so ein Fuenf-Sterne-Hotel trete und ueber die Gaesteliste in so ein Wahnsinnsteil reinkomme - haben wir dann letztendlich doch nicht gemacht. Geruechteweise war es da so exklusiv, dass nur ca. 30 Leute da waren. Die beiden anderen Clubs waren da irgendwie angenehmer vom Ambiente. Das Urban Pint am Mittwoch-Abend hatte ne geile Dachterasse, im Kukis gestern konnten wir fuer ca. 5 Euro so viel trinken wie wir wollten.
Davor wurde jeweils Sport getrieben - Fussball natuerlich. Und ich sage euch, bei diesem Klima fliesst einem die Sosse nur so runter, auch wenn wir sowieso nie vor dem fruehen Abend anfangen. Anyways, es macht richtig Spass! Von den Indern ist ja bekannt, dass sie weit weg von sogar der Teilnahme an der Fussballweltmeisterschaft sind und so kann ich mit meinen begrenzten Kick-Skills mithalten;-)
Ein neues Lieblingsessen hab ich auch gefunden: Momos - das sind kleine Teigbaellchen mit Fleisch- oder Gemuesfuellung. Schmeckt superlecker und gibts an jeder zweiten Strassenecke. Die perfekte Zwischenmahlzeit. Nur die Sosse dazu ist brutal scharf, so wie alles indische Essen.
Ich hoffe meine Magenrebellionen ruehren nicht daher!

Mittwoch, 1. September 2010

Gewöhn dich dran!

Es ist erst mein vierter Tag in Delhi und dennoch – entschuldigt diese Platitüde – fühlt es sich bereits an, als wäre ich zwei Wochen hier. Woran das liegt, dürfte auf der Hand liegen: Die ersten Tagen in einem fremden Land sind stets von einer solchen Fülle an neuen Eindrücken, Abenteuern und Erfahrungen, dass man davon in der Heimat wochenlang zehren könnte. Insbesondere trifft das natürlich auf eine Stadt wie Delhi zu.

Wo also anfangen? Naheliegenderweise am Münchner Flughafen, meinem Ausgangspunkt. Während ich da also sitze und auf meinen verspäteten Flieger nach London warte, komme ich ins Gespräch mit einem Inder, der mit eindringlich davor warnt, seinen Landsleuten zu viel Vertrauen einzubringen. Es sei in jedem Fall ratsam, wenn möglich, immer zwei bis drei weitere Meinungen einzuholen.

Gesagt – nicht getan: Meine erste Taxifahrt fällt dann doch rückblickend zu teuer aus, aber nach
einer fast schlaflosen Nacht im Flieger, wünscht man sich eben nichts sehnlicher als endlich
anzukommen. Als ich auf dem Weg zum Taxi aus dem Flughafen trete, trifft mich Delhi mit voller Wucht. Für wenige Momente bleibt mir schlicht der Atem weg, so sehr brechen die schwüle Hitze und der beißende Smog über mich herein, etwas, woran ich mich auch jetzt nur schwer gewöhnen kann. Glücklicherweise verspricht der nahende September angenehmere Temperaturen. Der chaotische Verkehr wird jedoch wohl derselbe bleiben. Nach der Lektüre vieler Erfahrungsberichte wurden meine Erwartungen zwar nicht ganz „erfüllt“, aber das mag an zwei Gründen liegen: Erstens die Tatsache, dass ich in einem besseren Stadtteil untergekommen bin, und zweitens meiner etwas verzerrten Wahrnehmungsfähigkeit eben aufgrund dieser Berichte. Realistisch betrachtet ist selbst Palermo ein hervorragend organisiertes und geregeltes Verkehrssystem verglichen mit den Zuständen in Delhi. In einer Reportage habe ich gelesen, dass sich das Kastensystem mit anderen Kategorien auch wunderbar auf den Verkehr übertragen lässt, und dieser Vergleich ist tatsächlich sehr anschaulich. LKWs und Busse sind in ihrer Schwerfälligkeit zwar langsam, aber wie eine Festung in der Brandung des sie umfließenden Kleinkraftverkehrs. Danach genießen PKWs gewisse Vorrechte, während die Rickshaw-Fahrer in ihren kleinen dreirädrigen Vehikeln rücksichtlos in jede sich bietende Lücke stoßen. Übertroffen werden sie dabei nur noch von den noch risikobereiteren Motorradfahrern, die selbst dann noch erbarmungslos um ihre Position auf der Straße kämpfen, wenn sie eine ganze Familie transportieren. Fünf Leute auf einem Motorrad, Papa der Fahrer, die ältere Tochter direkt dahinter, dann die Mutter mit der jüngeren Tochter auf dem Rücken, und der Sohnemann nimmt auf dem Lenker Platz: Sowas muss man gesehen haben! Das Ende der
Verkehrsnahrungskette bilden all diejenige die nicht motorisiert sind – zu Fuß unterwegs sein kann die Hölle sein! Selbst wenn genug Platz ist, wird man brutal zur Seite gehupt. Überhaupt wird gehupt was die Tube hergibt, ob mit oder ohne Grund. Erstaunlicherweise ist doch kaum Aggressivität zu spüren und es scheint auch kaum Unfälle zu geben: Im letzten Moment gibt immer einer nach und so funktioniert das System als Ganzes gesehen unter gegebenen Umständen erstaunlich gut.

Monsun, es lebe der Monsun! Dieser kleine Einschub muss einfach sein. Nach Tagen der schwülen Hitze endlich mal Regen – und was für einer! Herrlich! Ich sitze hier in meinem Zimmer im Trockenen und blicke voller Freude auf das kühle Nass, das sich über die Delhi ergießt. Apropos Zimmer: Es wird Zeit, ein paar Worte über meine Unterkunft zu verlieren. Für Delhische Verhältnisse ist das Haus an sich fast schon luxuriös. Bäder und Böden aus Marmor, hohe Decken, großzügige Zimmer, die mit eigenen Bädern ausgestattet sind. Da gäbe es an sich nicht viel zu meckern, wenn das Haus nicht gerade noch renoviert würde. Die Zeit, als es hier nicht mal Wasser gab, hab ich glücklicherweise verpasst, aber es ist doch einiges zu tun. Gestern haben wir endlich mal eine Gasherdplatte bekommen, aber ich vermisse schmerzlich sowohl einen Kühlschrank als auch eine funktionierende Klimaanlage in meinem Zimmer. Im Moment habe ich lediglich einen Deckenventilator, der aber selbst auf höchster Stufe nicht gegen die Hitze ankommt, auch nachts nicht. Ich weiß wirklich nicht, wie es die Menschen hier im Hochsommer aushalten – am liebsten würde ich dreimal am Tag duschen und die Kleider wechseln, die schon nach kurzer Zeit oft am Körper kleben – ein ekliges Gefühl!

Unverzichtbar und immer noch nicht vorhandenen ist eine Internetverbindung. Es bleibt das
Internetcafe auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Gestern keimte kurz Hoffnung auf, als
endlich mal ein Mitarbeiter des Internetdienstleisters auftauchte – diese wurde allerdings schwer enttäuscht: Im Moment geht gar nichts, mindestens drei Wochen! Überhaupt geht hier alles mit einer Langsamkeit vonstatten, die einen manchmal in den Wahnsinn treibt. Und ich habe nicht den Eindruck, dass es sich dabei um eine besondere Art der Gelassenheit handelt, es kommt einem so vor, als mangele es oft eher an Willen, Vermögen oder Bereitschaft. Wer weiß, vielleicht ist es auch das Klima oder die Kultur oder alles irgendwie zusammen. Wenn man sich jedenfalls nicht lautstark Gehör zu verschaffen weiß und immer wieder drängt, erreicht man hier gar nichts. Hey, aber irgendwie funktioniert dann doch das meiste und angesichts der vielen telekommunikativen Entbehrungen gibt es auch die nette Erfahrung: Es geht auch ohne – zeitweise! Und die Handytarife hier sind so günstig, dass die Minutenpreise nach Deutschland günstiger sind als diejenigen deutscher Anbieter in Deutschland. Wow!

Und wiedermal bin ich vollkommen abgeschweift. Es ist schwierig die Gedanken und Eindrücke in eine logische oder chronologische Reihenfolge zu bringen. Rede ich also nochmal ein bisschen über unser Haus: Wir sind eine Multi-Kulti-Euro-WG bestehend aus 6 Deutschen, 4 Italienern, 1 Französin, einer Ukrainerin und einem rumänischen Model, das uns aber schon bald wieder verlässt. Es wird also ordentlich Leben in die Bude kommen, wenn wir endlich mal ein Wohnzimmer und einen Partyraum eingerichtet haben. Auch das sollte alles schon längst in die Gänge gekommen sein, aber sachte, immer schön geduldig bleiben.

Die meisten von uns gehen – was für eine nette Überleitung – wie ich zum IIPM, dem Indian
Institute for Planning and Management. Diese Business School (Uni wäre übertrieben und falsch) liegt nochmal ein ganzes Stück außerhalb (ca. eine halbe Rickshaw-Stunde) und lässt sich vielleicht polemisierend am besten über die hübsche oberste Etage beschreiben, die von umlaufenden Arkaden geziert wird. Bei näherer Betrachtung fällt jedoch auf, dass diese Etage tatsächlich aber nur ein netter Aufbau ohne nutzbare Räume ist. Willkommen in der Welt des Marketing, willkommen im IIPM. Passend dazu meine erste Begegnung mit einem indischen Studenten, dessen Lebenstraum darin besteht, the best businessman of the world zu werden oder wenigstens Multimillionär. Ja, das wollte ich auch mal, so vor 10 Jahren vielleicht. Mein erster Tag am IIPM war überhaupt ein Lehrstück an indischer (Organisations-)kultur. So kursierte tagelang die Nachricht, der Unterricht, der für die indischen Studenten nebenbei eh längst begonnen hatte, würde für uns garantiert erst am Mittwoch starten, bis mich dann gestern morgen meine Mitbewohnerin Laura aus dem Schlaf trommelte mit der wenig erfreulichen Nachricht, Anshika unsere Betreuerin hätte eben angerufen und mal eben wieder alle Pläne über den Haufen geworfen. Und so viel mein geplanter Ausflug auf die Märkte von Old-Delhi ins Wasser. Die Organisation des Stundenplans ist überhaupt sehr lustig:
Zunächst gibt es verschiedene „Sections“, in die man eingeteilt wird. Diese Sections haben alle das gleiche Lehrangebot zu jeweils unterschiedlichen Terminen. Wer nun wie ich denkt: Toll, da nicht das volle Programm mache kann ich mir so einen möglichst passenden und lückenfreien Stundenplan zurechtlegen, irrt mal wieder gewaltig. Ist doch klar, die Termine der Kurse ändern sich ständig, so dass es dann auf jeden Fall zu Überschneidungen kommen wird! Naja, die Kurse aus dem ersten Trimester, die einzigen, die wir im Moment belegen können, sind für mich als Sechstsemestler auch wenig erhellend. Am 20.September startet dann ja aber auch schon das zweite Trimester mit den interessanten Kursen, während das erste im Dezember endet. Da sind Überlappungen also ok – Ohne Worte!

Bis dahin soll dann tatsächlich auch die Ubahn fertig sein, mit der wir wenigstens die Hälfte
der Strecke zurücklegen können. Wobei das fast ein bisschen schade ist, das ständige Feilschen
mit den Rickshaw-Fahrern um den Preis macht doch eine Menge Spaß. Das ist tatsächlich
Mikroökonomie in Reinkultur: Angebot und Nachfrage. Der Fahrer macht ein Angebot, ich nenne meine Zahlungsbereitschaft und wir versuchen uns mit ungewissem Ausgang zu einigen. Wenn viele Rickshaws frei sind, hat man bessere Karte, findet sich nur ein einziges muss man ein bisschen mehr zahlen. Wunderbar! Getrübt wird der Eindruck nur durch die (illegalen, klar doch;-)) Preisabsprachen wenn man als Gruppe mehr als eine Rickshaw benötigt. Und schade, dass das Verhandeln hier auf den Märkten in der Umgebung auch nicht so gut funktioniert: Fixed price, fixed price. Und wirklich: Der gleiche verdammte Tisch kostete bei 6 Händlern auf dem Möbelmarkt Munirka exakt 400 Rupien. Da wir gleich 7 gekauft haben war ein kleiner Rabatt drinnen und so ziert dieses Schmuckstück samt Stuhl mein bislang noch karg eingerichtetes Zimmer.

Was noch? So vieles! Die ersten Reisen sind schon in Planung, wohin genau noch nicht, aber dank der Commonwealth Games haben wir im Oktober zwei unifreie Wochen. Aber warum solange warten? Da die Kurse aus dem ersten Trimester eh fast alle uninteressant für mich sind, habe ich bis zum 20.September kaum Unterricht und dementsprechend viel Freizeit. Dieses Wochenende möchte ich aber erstmal Delhi selbst erkunden, vielleicht eine Poolparty besuchen, auf jeden Fall richtig feiern. Five-Star-Hotel of course!

Es regnet immer noch und langsam könnte es wieder aufhören. Wir wollen Geschirr einkaufen für die fast betriebsbereite Küche und heute abend das erste mal kochen. Pasta selbstverständlich bei so vielen Italienern im Haus Apropos Essen: Zwar hatte ich doch gerade die ersten Tage ein leicht flaues Gefühl im Magen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass das Essen hier nicht nur supergünstig sondern auch genauso lecker ist. Oder auch: Delhi-cious! Das Beste ist: Bis auf die reinen Straßenverkäufer gibt es immer einen kostenlosen Lieferservice. Warum beim Chinesen gegenüber Essen holen, wenn er es auch bringt? Fantastisch! Sogar McDonalds bietet diesen großartigen Service hier an. Aber hin und wieder kann man ja auch mal in ein Restaurant gehen. Gestern z.B. waren wir im Living-Room, edel eingerichtet, vom Preisniveau im Vergleich zu Deutschland ein Witz, auf einer Dachterrasse. Selbst in Luxushotels lässt es sich hier angeblich für 10 € schlemmen. Nur eins ist teuer: Der passende Wein dazu – der ist dann fast unbezahlbar! Ganz im Gegenteil dazu die Saftläden (sic!), die es hier an jeder Ecke gibt: Ein schöner Frühstückersatz angesichts der Tatsache, dass (guter) Kaffee ein schwer aufzutreibendes Gut ist. Ich muss mich wohl dran gewöhnen. Ein lustiges Details ist auch, dass auf den Speisekarten immer unterschieden wird zwischen „Vegetarian“ und „Non-Vegetarian“: Wie so oft verkehrte Welt in Indien!

Ok, that’s it for now. Es gäbe noch so viel mehr zu erzählen, vor allem von den Leuten hier, aber das wird demnächst scheibchenweise nachgeliefert, also dranbleiben!

P.S.: Und entschuldigt das noch nicht vorhandene Layout, sobald ich Internet habe, wird das natuerlich huebscher!!!!Dann werde ich auch endlich ein paar schoene Fotos geschossen haben!

Sonntag, 29. August 2010

Liebe Freunde und Interessierte,

In Kuerze werde ich hier einen Blog ueber meine Abenteuer in Delhi starten. Bis jetzt lief alles wie am Schnuerrchen, nur Internet hab ich noch keines - und keine Kueche - die Wohnung wird gerade renoviert, aber was kann ich schon erwarten ohne mietvertrag? More to come soon.......merkt euch die adresse und schaut regelmaessig vorbei!