Mittwoch, 22. September 2010

Ein Hauch des wahren Indiens


















Varanasi war das Klischee des indischen Chaos, im Herzen Indiens habe ich nun aber eineAhnung des wahren Indiens bekommen, sofern das in diesem Riesenland, das eigentlich ein ganzer Subkontinent und Schmelztiegel verschiedenster Kulturen ist, überhaupt möglich ist. Dennoch habe ich in der saftig grünen Hügellandschaft von Madhya Pradesh eine vollkommen neue, faszinierende Seite dieses Landes zu sehen bekommen, die sich wohltuend von den verstopften und überbevölkerten Großstädten abhebt. Erstes Ziel war Kajuraho, bekannt für seine hervorragend über tausend Jahre alten Tempelbauten, deren besonderes Merkmal zahlreiche Skulpturen aus dem Kamasutra sind, die die Aussen- und Innenwände der Tempel schmücken. Das umgebende Dorf war angenehm klein, die Versuche, uns in Läden oder Rickshaws zu ziehen, dementsprechend wenig, nur ein Touristenführer wollte nicht so schnell klein beigeben. Stattdessen leisteten wir uns einen Audioguide, der ohne Zweifel der mit Abstand schlechteste war, den ich bis dato zu Gehör bekommen habe. Da es sich um eine Kassette handelte, konnte man nur vorspulen und musste sich daher sklavisch an den vollkommen unlogisch aufgebauten Wegplan halten. Egal, viel schöner und noch idyllischer gelegen als die berühmten Tempel der Westgruppe, war ohenhin die Ostgruppe, die wir mit geliehenen Fahrrädern zurücklegten. Was für ein fabelhaftes Gefühl endlich mal wieder auf einem Sattel zu sitzen! 

Am frühen Abend dann stiegen wir in den Nachbus nach Indore, ein hervorragender Ausgangspunkt für die Erkundung des Westens von Madhya Pradesh. Wir leisteten uns den Luxus eines Bettes  für 50 Rupien Aufpreis, dessen Komfort allerdings durch den katastrophalen Zustand der Straßen und demenstprechend starken Schwanken und Ruckeln des Busses stark eingeschränkt war: Wir fühlten uns eher wie im Sturm auf hoher See denn als Könige der Straße, während wir durch die majestätische Landschaft gen Westen rumpelten. Von Indore aus benötigten wir weitere 5 Stunden nach Mandu, einem malerischen auf einem Plateau gelegenen Dorf voller faszinierender Bauten im Stile der afghanischen Architektur. Insbesondere der Palast und die ihrem berühmten Pendant in Damaskus nachempfundene Moschee, die eine der schönsten ganz Indiens ist, ließen uns mit ungläubigem Staunen zurück. Ebenso begeistert waren wir von der Atmosphäre Mandus: Keine Autorickschwas, keine Touristguides, herrliches Wetter und eine fast göttliche Ruhe. Was für eine Entspannung! Was für ein Paradies! Und was waren wir für eine Attraktion: Praktisch jeder Einwohner und indische Tourist wollte uns auf einem Foto verewigen und nachdem wir mit ebenfalls geliehenen Fahrrädern einen am Straßenrand liegen gebliebenen Bus passierten wurden wir von den wartenden Menschen so stark umringt als wären wir die ersten Europäer, die ihren Fuß nach Mandu gesetzt haben. Nur die Kommunikation war fast unmöglich: Wir müssen definitiv Hindi lernen - und wir wollen einen Lehrer für unser Haus in Shivalik. Gestern Abend haben wir einen eingeladen - nur der kam nicht! Of course not! 


Es ist hier eben so: Man muss für alles viel mehr Zeit einrechnen als gewohnt. Auch das Reisen ist da keine Ausnahme: Sei es wegen der kaputten Straßen oder der langsamen, stets verspäteten Zügen. Während unserer fünftägigen Reise waren wir fast 70 Stunden in Bussen oder Zügen unterwegs, das entsüricht mehr als 50% der gesamten Reisezeit. Dass sich das gelohnt hat und wir diese Strapazen auf uns genommen haben, lag an den wunderschönen Orten. Der letzte davon war Orccha, traumhaft gelegen auf einer Flussinsel des Betwa, voller Tempel, Monumente und einem majestätischen Fort, von dem aus man einen dramatischen schönen Ausblick auf die umgebende Landschaft hat. Trotz eines saftigen Eintrittspreises für Ausländer von 250 Rupien pro Person (gegenüber 10 Rupien für Inder) waren die Monumente herrlich (?;-)) ungesichert und erlaubten ohne weiteres auch waghalsigere Kletteraktionen. Auch die Treppen in der Jahangir Mahal, bzw. die Mauervorsprünge, die als solche dienten, waren abenteuerlich, da einige der Stufen bereits abgebrochen waren und keinerlei Sicherungsvorrichtungen vorhanden waren. In Deutschland und ganz Europa wäre so etwas sicher unmöglich! Der schönste Moment war aber vielleicht ganz anderer Art und voller Entspannung - etwas außerhalb gelegen spazierten wir zu einem verlassenen Tempel, der von einer indischen Bauernfamilie bewohnt wurde. Wir wurden herzlich eingeladen und zu einer Tasse Chai eingeladen, hergestellt mit frisch gezapfter Büffelmilch! Wir konnten dabei zuschauen. Nach all den Versuchen, uns immer wieder übers Ohr zu hauen, war dieser seltene Moment der Gastfreundschaft ein besonderes Geschenk, das uns mit einem breiten Lächeln der Dankbarkeit auf den Lippen zurückließ. 

Am Abend wurden wir dann noch unfreiweillig in die Geburtstagsparty des Gottes Ganesha miteinbezogen. Unser Versuch einen mit Lautsprechern ausgestatten Traktor zu passieren, um den herum die Menschen hemmungslos und vollkommen ausgelassen tanzten waren hoffnungslos erfolglos. Wir wurden in den Strudel hineingezogen, zu Boden gerissen, zur Teilnahme an den ekstatischen Tanzbewegungen gezerrt und von obe bis unten mit Farbpulver besprüht. Es war eine Riesengaudi! - auch wenn unsere Klamotten davon fast ruiniert wurden. Weiterer kleiner Wermutstropfen: Die Mädels durften nicht mittanzen;-)

Zurück in Delhi wurden wir direkt vom sintflutartigen Monsun überrascht. Unsere Rickshaw steuerte rücksichtlos durch tiefe Pfützen, so dass wir unser Haus vollkommen durchnässt erreichten, aber gleichzeitig hochzufrieden nach den schönen Tagen in Madhya Pradesh und rechtzeitig wieder da, um die diese Woche beginnenden Kurse des zweiten und vierten Trimesters zu besuchen: Schwachsinn! Die, so wurde uns gestern eröffnet, und auch nur die des vierten Trimesters fangen frühestens Ende der Woche an, es existieren noch nicht einmal Stundenpläne. Der Start des zweiten Trimesters wurde vorsorglich direkt auf nach den Commonwealth Games Mitte Oktober verlegt. Der halbe November wird dank verschiedenster Feiertage ausfallen, Mitte Dezember sollen wir schon Prüfungen schreiben. Ich bin gespannt, wie das alles funtkionieren wird. Aber es wird, irgendwie, da bin ich mir sicher. 

1 Kommentar:

  1. Jetzt habe ich den Eindruck, dass du wirklich angekommen bist. Die Phase von ersten den Berichten über die Anfangsschwierigkeiten ist vorüber; dieses offenbar zwar -nach unseren Maßstäben- chaotische Land offenbart seine Schönheit und seinen Charme. Ich freue mich, dass dich deine Reisen mit so viel tollen Eindrücken erfüllen. Wenn's nicht auch ums Studieren ginge hätte ich glatt gesagt: Weiter so! Papa

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