Es ist erst mein vierter Tag in Delhi und dennoch – entschuldigt diese Platitüde – fühlt es sich bereits an, als wäre ich zwei Wochen hier. Woran das liegt, dürfte auf der Hand liegen: Die ersten Tagen in einem fremden Land sind stets von einer solchen Fülle an neuen Eindrücken, Abenteuern und Erfahrungen, dass man davon in der Heimat wochenlang zehren könnte. Insbesondere trifft das natürlich auf eine Stadt wie Delhi zu.
Wo also anfangen? Naheliegenderweise am Münchner Flughafen, meinem Ausgangspunkt. Während ich da also sitze und auf meinen verspäteten Flieger nach London warte, komme ich ins Gespräch mit einem Inder, der mit eindringlich davor warnt, seinen Landsleuten zu viel Vertrauen einzubringen. Es sei in jedem Fall ratsam, wenn möglich, immer zwei bis drei weitere Meinungen einzuholen.
Gesagt – nicht getan: Meine erste Taxifahrt fällt dann doch rückblickend zu teuer aus, aber nach
einer fast schlaflosen Nacht im Flieger, wünscht man sich eben nichts sehnlicher als endlich
anzukommen. Als ich auf dem Weg zum Taxi aus dem Flughafen trete, trifft mich Delhi mit voller Wucht. Für wenige Momente bleibt mir schlicht der Atem weg, so sehr brechen die schwüle Hitze und der beißende Smog über mich herein, etwas, woran ich mich auch jetzt nur schwer gewöhnen kann. Glücklicherweise verspricht der nahende September angenehmere Temperaturen. Der chaotische Verkehr wird jedoch wohl derselbe bleiben. Nach der Lektüre vieler Erfahrungsberichte wurden meine Erwartungen zwar nicht ganz „erfüllt“, aber das mag an zwei Gründen liegen: Erstens die Tatsache, dass ich in einem besseren Stadtteil untergekommen bin, und zweitens meiner etwas verzerrten Wahrnehmungsfähigkeit eben aufgrund dieser Berichte. Realistisch betrachtet ist selbst Palermo ein hervorragend organisiertes und geregeltes Verkehrssystem verglichen mit den Zuständen in Delhi. In einer Reportage habe ich gelesen, dass sich das Kastensystem mit anderen Kategorien auch wunderbar auf den Verkehr übertragen lässt, und dieser Vergleich ist tatsächlich sehr anschaulich. LKWs und Busse sind in ihrer Schwerfälligkeit zwar langsam, aber wie eine Festung in der Brandung des sie umfließenden Kleinkraftverkehrs. Danach genießen PKWs gewisse Vorrechte, während die Rickshaw-Fahrer in ihren kleinen dreirädrigen Vehikeln rücksichtlos in jede sich bietende Lücke stoßen. Übertroffen werden sie dabei nur noch von den noch risikobereiteren Motorradfahrern, die selbst dann noch erbarmungslos um ihre Position auf der Straße kämpfen, wenn sie eine ganze Familie transportieren. Fünf Leute auf einem Motorrad, Papa der Fahrer, die ältere Tochter direkt dahinter, dann die Mutter mit der jüngeren Tochter auf dem Rücken, und der Sohnemann nimmt auf dem Lenker Platz: Sowas muss man gesehen haben! Das Ende der
Verkehrsnahrungskette bilden all diejenige die nicht motorisiert sind – zu Fuß unterwegs sein kann die Hölle sein! Selbst wenn genug Platz ist, wird man brutal zur Seite gehupt. Überhaupt wird gehupt was die Tube hergibt, ob mit oder ohne Grund. Erstaunlicherweise ist doch kaum Aggressivität zu spüren und es scheint auch kaum Unfälle zu geben: Im letzten Moment gibt immer einer nach und so funktioniert das System als Ganzes gesehen unter gegebenen Umständen erstaunlich gut.
Monsun, es lebe der Monsun! Dieser kleine Einschub muss einfach sein. Nach Tagen der schwülen Hitze endlich mal Regen – und was für einer! Herrlich! Ich sitze hier in meinem Zimmer im Trockenen und blicke voller Freude auf das kühle Nass, das sich über die Delhi ergießt. Apropos Zimmer: Es wird Zeit, ein paar Worte über meine Unterkunft zu verlieren. Für Delhische Verhältnisse ist das Haus an sich fast schon luxuriös. Bäder und Böden aus Marmor, hohe Decken, großzügige Zimmer, die mit eigenen Bädern ausgestattet sind. Da gäbe es an sich nicht viel zu meckern, wenn das Haus nicht gerade noch renoviert würde. Die Zeit, als es hier nicht mal Wasser gab, hab ich glücklicherweise verpasst, aber es ist doch einiges zu tun. Gestern haben wir endlich mal eine Gasherdplatte bekommen, aber ich vermisse schmerzlich sowohl einen Kühlschrank als auch eine funktionierende Klimaanlage in meinem Zimmer. Im Moment habe ich lediglich einen Deckenventilator, der aber selbst auf höchster Stufe nicht gegen die Hitze ankommt, auch nachts nicht. Ich weiß wirklich nicht, wie es die Menschen hier im Hochsommer aushalten – am liebsten würde ich dreimal am Tag duschen und die Kleider wechseln, die schon nach kurzer Zeit oft am Körper kleben – ein ekliges Gefühl!
Unverzichtbar und immer noch nicht vorhandenen ist eine Internetverbindung. Es bleibt das
Internetcafe auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Gestern keimte kurz Hoffnung auf, als
endlich mal ein Mitarbeiter des Internetdienstleisters auftauchte – diese wurde allerdings schwer enttäuscht: Im Moment geht gar nichts, mindestens drei Wochen! Überhaupt geht hier alles mit einer Langsamkeit vonstatten, die einen manchmal in den Wahnsinn treibt. Und ich habe nicht den Eindruck, dass es sich dabei um eine besondere Art der Gelassenheit handelt, es kommt einem so vor, als mangele es oft eher an Willen, Vermögen oder Bereitschaft. Wer weiß, vielleicht ist es auch das Klima oder die Kultur oder alles irgendwie zusammen. Wenn man sich jedenfalls nicht lautstark Gehör zu verschaffen weiß und immer wieder drängt, erreicht man hier gar nichts. Hey, aber irgendwie funktioniert dann doch das meiste und angesichts der vielen telekommunikativen Entbehrungen gibt es auch die nette Erfahrung: Es geht auch ohne – zeitweise! Und die Handytarife hier sind so günstig, dass die Minutenpreise nach Deutschland günstiger sind als diejenigen deutscher Anbieter in Deutschland. Wow!
Und wiedermal bin ich vollkommen abgeschweift. Es ist schwierig die Gedanken und Eindrücke in eine logische oder chronologische Reihenfolge zu bringen. Rede ich also nochmal ein bisschen über unser Haus: Wir sind eine Multi-Kulti-Euro-WG bestehend aus 6 Deutschen, 4 Italienern, 1 Französin, einer Ukrainerin und einem rumänischen Model, das uns aber schon bald wieder verlässt. Es wird also ordentlich Leben in die Bude kommen, wenn wir endlich mal ein Wohnzimmer und einen Partyraum eingerichtet haben. Auch das sollte alles schon längst in die Gänge gekommen sein, aber sachte, immer schön geduldig bleiben.
Die meisten von uns gehen – was für eine nette Überleitung – wie ich zum IIPM, dem Indian
Institute for Planning and Management. Diese Business School (Uni wäre übertrieben und falsch) liegt nochmal ein ganzes Stück außerhalb (ca. eine halbe Rickshaw-Stunde) und lässt sich vielleicht polemisierend am besten über die hübsche oberste Etage beschreiben, die von umlaufenden Arkaden geziert wird. Bei näherer Betrachtung fällt jedoch auf, dass diese Etage tatsächlich aber nur ein netter Aufbau ohne nutzbare Räume ist. Willkommen in der Welt des Marketing, willkommen im IIPM. Passend dazu meine erste Begegnung mit einem indischen Studenten, dessen Lebenstraum darin besteht, the best businessman of the world zu werden oder wenigstens Multimillionär. Ja, das wollte ich auch mal, so vor 10 Jahren vielleicht. Mein erster Tag am IIPM war überhaupt ein Lehrstück an indischer (Organisations-)kultur. So kursierte tagelang die Nachricht, der Unterricht, der für die indischen Studenten nebenbei eh längst begonnen hatte, würde für uns garantiert erst am Mittwoch starten, bis mich dann gestern morgen meine Mitbewohnerin Laura aus dem Schlaf trommelte mit der wenig erfreulichen Nachricht, Anshika unsere Betreuerin hätte eben angerufen und mal eben wieder alle Pläne über den Haufen geworfen. Und so viel mein geplanter Ausflug auf die Märkte von Old-Delhi ins Wasser. Die Organisation des Stundenplans ist überhaupt sehr lustig:
Zunächst gibt es verschiedene „Sections“, in die man eingeteilt wird. Diese Sections haben alle das gleiche Lehrangebot zu jeweils unterschiedlichen Terminen. Wer nun wie ich denkt: Toll, da nicht das volle Programm mache kann ich mir so einen möglichst passenden und lückenfreien Stundenplan zurechtlegen, irrt mal wieder gewaltig. Ist doch klar, die Termine der Kurse ändern sich ständig, so dass es dann auf jeden Fall zu Überschneidungen kommen wird! Naja, die Kurse aus dem ersten Trimester, die einzigen, die wir im Moment belegen können, sind für mich als Sechstsemestler auch wenig erhellend. Am 20.September startet dann ja aber auch schon das zweite Trimester mit den interessanten Kursen, während das erste im Dezember endet. Da sind Überlappungen also ok – Ohne Worte!
Bis dahin soll dann tatsächlich auch die Ubahn fertig sein, mit der wir wenigstens die Hälfte
der Strecke zurücklegen können. Wobei das fast ein bisschen schade ist, das ständige Feilschen
mit den Rickshaw-Fahrern um den Preis macht doch eine Menge Spaß. Das ist tatsächlich
Mikroökonomie in Reinkultur: Angebot und Nachfrage. Der Fahrer macht ein Angebot, ich nenne meine Zahlungsbereitschaft und wir versuchen uns mit ungewissem Ausgang zu einigen. Wenn viele Rickshaws frei sind, hat man bessere Karte, findet sich nur ein einziges muss man ein bisschen mehr zahlen. Wunderbar! Getrübt wird der Eindruck nur durch die (illegalen, klar doch;-)) Preisabsprachen wenn man als Gruppe mehr als eine Rickshaw benötigt. Und schade, dass das Verhandeln hier auf den Märkten in der Umgebung auch nicht so gut funktioniert: Fixed price, fixed price. Und wirklich: Der gleiche verdammte Tisch kostete bei 6 Händlern auf dem Möbelmarkt Munirka exakt 400 Rupien. Da wir gleich 7 gekauft haben war ein kleiner Rabatt drinnen und so ziert dieses Schmuckstück samt Stuhl mein bislang noch karg eingerichtetes Zimmer.
Was noch? So vieles! Die ersten Reisen sind schon in Planung, wohin genau noch nicht, aber dank der Commonwealth Games haben wir im Oktober zwei unifreie Wochen. Aber warum solange warten? Da die Kurse aus dem ersten Trimester eh fast alle uninteressant für mich sind, habe ich bis zum 20.September kaum Unterricht und dementsprechend viel Freizeit. Dieses Wochenende möchte ich aber erstmal Delhi selbst erkunden, vielleicht eine Poolparty besuchen, auf jeden Fall richtig feiern. Five-Star-Hotel of course!
Es regnet immer noch und langsam könnte es wieder aufhören. Wir wollen Geschirr einkaufen für die fast betriebsbereite Küche und heute abend das erste mal kochen. Pasta selbstverständlich bei so vielen Italienern im Haus Apropos Essen: Zwar hatte ich doch gerade die ersten Tage ein leicht flaues Gefühl im Magen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass das Essen hier nicht nur supergünstig sondern auch genauso lecker ist. Oder auch: Delhi-cious! Das Beste ist: Bis auf die reinen Straßenverkäufer gibt es immer einen kostenlosen Lieferservice. Warum beim Chinesen gegenüber Essen holen, wenn er es auch bringt? Fantastisch! Sogar McDonalds bietet diesen großartigen Service hier an. Aber hin und wieder kann man ja auch mal in ein Restaurant gehen. Gestern z.B. waren wir im Living-Room, edel eingerichtet, vom Preisniveau im Vergleich zu Deutschland ein Witz, auf einer Dachterrasse. Selbst in Luxushotels lässt es sich hier angeblich für 10 € schlemmen. Nur eins ist teuer: Der passende Wein dazu – der ist dann fast unbezahlbar! Ganz im Gegenteil dazu die Saftläden (sic!), die es hier an jeder Ecke gibt: Ein schöner Frühstückersatz angesichts der Tatsache, dass (guter) Kaffee ein schwer aufzutreibendes Gut ist. Ich muss mich wohl dran gewöhnen. Ein lustiges Details ist auch, dass auf den Speisekarten immer unterschieden wird zwischen „Vegetarian“ und „Non-Vegetarian“: Wie so oft verkehrte Welt in Indien!
Ok, that’s it for now. Es gäbe noch so viel mehr zu erzählen, vor allem von den Leuten hier, aber das wird demnächst scheibchenweise nachgeliefert, also dranbleiben!
P.S.: Und entschuldigt das noch nicht vorhandene Layout, sobald ich Internet habe, wird das natuerlich huebscher!!!!Dann werde ich auch endlich ein paar schoene Fotos geschossen haben!
http://elfachtundfuenfzig.wordpress.com/
AntwortenLöschenAlles gute aus dem beschaulichen München, auf meinem Blog kriegste alle sinnlosen News aus meinem Alltag plus die komplette Bundesligi-Wette im Spieltag aktuell. Damit du stehst weißt wer (ich) die besten Tipps abgibt
Viva Delhicious