Donnerstag, 28. Oktober 2010

Nepal-Tagebuch, Teil 2

6.10.2010 Ein Nicht-Tag

Today didn’t happen! Punkt! Ein vollkommen vergeudeter Tag sinnlosen Wartens, der nach stundenlangen Warten doch gestrichen wurden. Die Ausreden waren teilweise haarsträubend: Es müssten erst die Vögel von der Landebahn geschossen werden – davon war allerdings nichts zu hören. Am Ende saßen wir sogar im Flieger, voller freudiger Erwartung: Dann steigen die Piloten aus, nur um 10 Minuten später wieder zurückzukommen und am Ende dann deswegen nicht zu starten, weil der Rückflug nach Lukla wegen der hereinbrechenden Dunkelheit dann nicht mehr möglich gewesen wäre. Chapeau! Dazu kommt die Mitteilung, dass wir nicht etwa für einen der frühen Flüge für morgen eingeteilt werden, sondern uns wieder am Ende der Warteliste befinden werden. Das sind die Schattenseite des Individualtrekkings: Man besitzt nicht die Machtposition großer Touristikunternehmer, die für ihre Kunden immer Priority-Tickets auftreiben, die eigentlich gar nicht existieren. Wir sind jedenfalls stinksauer! Von großem Pech zu sprechen wäre allerdings übertrieben: Bei schlechten Wetterbedingungen ist es hier keine Seltenheit, tagelang auf einen Flug warten zu müssen. Wir hoffen auf morgen….


7.10.2010 Es geht endlich los!

Die Überschrift sagt es, einen Tag später funktioniert alles, was tags zuvor noch ausgeschlossen schien. Anstatt bis zum Mittag warten zu müssen, vermittelt uns unsere Airlineansprechpartnerin „Mandy“ bereits für halb acht einen Flieger – eine Reisegruppe ist nicht rechtzeitig erschienen. Was für Idioten – uns freuts! Bei den chaotischen Verhältnissen am Flughafen von Kathmandu ist es andererseits nahezu ausgeschlossen, einen Flug zur geplanten Zeit zu bekommen. Early birds haben bessere Chancen, weswegen wir schon um 6 Uhr morgens auf der Matte standen, um die Airlinemitarbeiter, allen voran Mandy, ständig mit Fragen zu löchern. Nur so läufts!

Und dann sitzen wir endlich im Flieger, die Motoren starten und mir wird ein bisschen mulmig: Lukla hat eine Reputation als gefährlichster Flughafen der Welt, und einer der kleinsten, so dass er nur von Kleinflugzeugen angeflogen werden kann. Jetzt ist es für Planänderungen allerdings zu spät, die Motoren starten, wir beschleunigen, heben ab: Das Abenteuer beginnt! Endlich! Wir gewinnen rasch an Höhe und bereits nach kurzer Zeit genießen wir ein erstes atemberaubendes Panorama. Linkerhand tauchen die ersten schneebedeckten Giganten des Himalaya in unserem Blickfeld auf. Der Flug nach Lukla ist somit sicher einer der spektakulärsten Linienflüge der Welt! Nichts allerdings ist abenteuerlicher als die Landung: Wir streichen knapp über einen Bergrücken, um dann in den rasanten und abrupten Landeanflug überzugehen. Ein Blick auf die winzige Landebahn lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Die Maschine schaukelt bedenklich und eine Fehleinschätzung von nur wenigen Metern würde unweigerlich zur Katastrophe führen: Dann würde unsere Dornier in jedem Fall an einem der umgebenden Felsen zerschellen. Dabei ist die Landebahn so kurz, dass der Bremsvorgang nur aufgrund der Aufwärtsneigung gelingen kann.

Ein Raunen der Erleichterung geht folglich durch das Flugzeug als wir erfolgreich aufsetzen. Unsere Euphorie kennt nun keine Grenzen, nach Tagen des Wartens und Reisens sind wir endlich am Ziel: Die Zeitrechnung wird zurück auf Null gestellt. Die Eroberung des Himalayas kann beginnen! Davor allerdings ein kurzes Frühstück, Brot, Momos, Eier und dann raus aus Lukla. Wir legen direkt ein Höllentempo vor, unsere Füße fliegen geradezu erfasst vom Hauch der Freiheit, befreit von den Fesseln moderner Verkehrsmittel, die sie so lange in eine unerträgliche Warteposition gequetscht haben. Wir können es nicht erwarten, die kleinen Siedlungen nach Lukla hinter uns zu lassen, um endlich richtig eintauchen zu können in die dramatisch schöne Landschaft des Himayala. Wir folgen einem Flußlauf, überqueren lange auf den ersten Blick wenig vertrauenserweckende, aber doch sehr stabile Hängebrücken, passieren rauschende Wasserfälle. Die angegebene Zeit zum Erreichen des ersten empfohlen Halts, Phakding, pulverisieren wir. Anstatt dort anzuhalten, gönnen wir uns eine kurze Pause mit einer Tasse Chai im warmen Sonnenlicht. Dann geht es weiter. Wir lassen uns mitreißen, sind erfüllt vom Glück, uns endlich in dieses Abenteuer stürzen zu können. Also laufen wir weiter, bis dann doch irgendwann die Knie schmerzen von den vielen kleinen An- und Abstiegen und mein Rücken sich über das Gewicht des Backpacks zu beschweren beginnt. Bin ich froh, dass ich nur das nötigste dabei habe! Die meisten lassen sich hier ihr Gepäck von Portern durch die Gegend tragen. Faszinierende Männer: trotz ihrer schmalen Statur tragen sie ohne weiteres Lasten von 30 bis 40 kg die steilen Berghänge hinauf. Neben den Yaks sind sie damit das einzige verfügbare Transportmittel. Wir wollen aber Geld sparen, unabhängig sein und die Herausforderung suchen, obwohl wir uns nach unseren ersten Wochen in Indien durch die weitgehend vegetarische Kost stark geschwächt fühlen. Wir beide haben einige Kilos verloren.

 

So laufen wir weiter bis zur letzten Lodge vor dem morgigen Anstieg nach Namche Bazaar. Edo und ich strecken die müden Beine von unseren Körper, sprechen über Berlusconi, Gott und die Welt, und das Leuchten in unseren Augen, die Vorfreude, auf das, was vor uns liegt, scheint in diesem Moment der Rast stärker als je zuvor zu sein: Wandern, auch in Gemeinschaft, kann ein einsamer, stiller, konzentrierter Prozess sein, das habe ich bereits in den schottischen Highlands gelernt. Man fokussiert sich ganz auf ein festgesetztes Ziel, ignoriert die schmerzenden Beine, versucht alle störenden Gefühle, den Ballast der Welt abzuschütteln: Ist es eine Begegnung mit sich selbst oder dem Selbst, das man gerne wäre? Der Versuch, ein anderer zu sein, für einen Moment, indem man eine fast mystische Verbindung mit der Natur eingeht. Nur dann selbstverständlich, wenn man versucht, an seine Grenzen zu gehen. Die mächtigen Gipfel sind dazu eine stille Herausforderung, ihrer Anziehungskraft kann man sich kaum entziehen, wenn man einmal in ihre Welt eingetaucht ist.


Montag, 25. Oktober 2010

Nepal-Tagebuch: Die ersten Tage

Alles startet mit einer Idee im Kopf, etwas, das sich tief in den Windungen unseres Denkorgans festbeißt, uns nicht mehr loslässt. Ein Gefühl, das uns packt: Das ist es! Das will ich! Momente der Klarheit. So ging es mir, als ich den LonelyPlanet über Trekking in Himalaya in die Hände bekomme. Ich, der den Bergen bisher keinerlei Beachtung geschenkt hat, ich dessen einziger Trekking-Trip bis dato durch das vergleichende Flachland der Highlands geführt hat. Aber da ist etwas, der magische Ruf der Giganten des Himalayas, der durch die Seiten des Buches schlägt und mich erreicht, tief, bohrend, ungeduldig. Und gibt es einen besseren Ort, dem Chaos Delhis während der Commonwealth Games zu entkommen. Und wann werde ich jemals wieder zur besten Reisezeit, Oktober, so nah an Nepal sein. Es riecht nach einer einmaligen Chance. Eine Entscheidung überflüssig! Und mit Edoardo habe ich einen Kumpel an der Seite, der sich, was die Berge betrifft, bestens auskennt, der vor Begeisterung glüht, wenn das Gesprächsthema auch nur ansatzweise über 2000 Höhenmeter hinausgeht. Es war sein LonelyPlanet. 

 

3.10.2010 – Vorgeplänkel           

Wir lachen, lachen über den Inder, der uns erzählt, es sei besser, wir würden ohne Planung nach Nepal fahren, einfach selbstbewusst sein, sich nicht so viele Gedanken machen, das sorgt einzig dafür, dass Dinge schief gehen. Es klingt verrückt, eine solche Haltung an den Tag zu legen, schließlich wollen wir nach oben, ganz oben, 5500 Meter, Himalaya, das Dach der Welt, da sind vorbereitende Maßnahmen obligatorisch. Also lachen wir – und wollen alles anders machen. Aber am Ende, tun wir es (fast) genauso wie es uns empfohlen wurde. Zunächst ist da der Faktor Zeit. Wer am Mittwoch entscheidet, spätestens am Sonntag zu fahren, dem bleibt relativ wenig davon. Wenn man sich dann noch in Indien befindet, dem Land, in dem selbst kleine Besorgungen einen ganzen Tag verschlingen können, dann steht man vor einem unlösbaren Problem. Es kommt, wie es kommen muss, alles geht schief. Es gelingt uns lediglich, Trockenfrüchte aufzutreiben. Ausrüstung, Wanderklamotten, Visa-Registrierung, Zugticket – ohne Erfolg. Letzteres ist besonders ärgerlich. Unser booking agent verspricht uns hoch und heilig, Zugtickets für die grenznahe Stadt Gorakhpur über das Last-Minute-Kontigent zu ergattern. Wir machen einmal mehr den Fehler uns darauf zu verlassen und hören am Freitag-Abend das uns so verhasste „So sorry, Sir“. Hat wohl verschlafen der gute Mann, whatever! Ein so frühes Scheitern – ausgeschlossen! Wir loten die Möglichkeiten aus. Wir müssen los – so schnell wie möglich. Trampen! Samstag Vormittag geht’s los, ein Tag früher, voller Vorfreude. Aber: Es ist Ghandis Geburtstag, nationaler Feiertag. Und so sind keine Trucks unterwegs. Wir stehen da mit unserem Schild „Lucknow“ und treffen auf eine Wand des Unverständnisses. Blicke voller Fragezeichen werden uns entgegen geworfen. Was wollen diese seltsamen Ausländer bloß, Bushaltestelle und Fernbahnhof sind doch so nah. Trampen ist in Indien also eine unbekannte Praxis. Es bleibt uns nichts anderes übrig, wir greifen zum letzten Mittel: Öffentlicher Bus!

 


4.-5.10.2010 – Die Dinge kommen ins Rollen

2 Tage später: Kathmandu, Hauptstadt Nepals. 27 Stunden im Bus von Delhi nach Gorakhpur auf harten Sitzen mit minimaler Beinfreiheit, weitere 7 Stunden an die Grenze. Dort die erste Erleichterung: Wir werden nicht einmal hingewiesen auf die fehlende Registrierung unseres Visas. Eine kurze Nacht im Hotel. Aufstehen um fünf Uhr morgens, ein kleiner Vorgeschmack auf den neuen Tagesrhythmus, der uns erwartet. Erster Bus nach Kathmandu. Und dann endlich: Auf halbem Weg schlägt der Reisestress in Reiseglück um: Wir sitzen auf dem Dach unseres Busses und donnern in wilden Kurven die erstaunlich gute Strasse nach Kathmandu entlang eines Flusses und Berghängen, die in vollem Grün stehen: Ein erster Hauch der Schönheit Nepals! Wir fühlen uns frei, jetzt scheint alles möglich. Während  der Fahrtwind mir ins Gesicht bläst packt mich dieses wahnsinnige Abenteuer- und Reiselust. Wir erobern Kathmandu auf dem Dach eines Busses, das ist Reisen ultimativ, so steht es im Bilderbuch.

Der nächste Tag: Sightseeing und Shopping in Kathmandu. Wir schlagen uns durch den Stadt- und Verkehrsdschungel, der uns nach Varanasi nicht extrem vorkommt. Wir lassen uns beinahe zu Lobeshymnen über die Sauberkeit der Stadt hinreißen. Nun, das ist natürlich übertrieben. Wir bekommen alles, was wir für unsere Reise brauchen, zu Preisen, die angesichts der Tatsache, dass es sich ausnahmslos um Nachahmerprodukte handelt, bestenfalls angemessen vorkommen - trotz knallharten Handelns. Unser Viertel, Thamel, ist eine Touristenhochburg. Ein bisschen lassen wir uns daraufhin von den Tempeln der Stadt verzaubern, besonders aber vom Essen: Endlich Beef! Auf meine Frage, was hier den vegetarische Momos (diese köstlichen, gefüllten, tibetanischen Teigbällchen) kosten, entgegnet man mir mit Unverständnis: Wir verkaufen hier nur Beef-Momos. Nach Wochen vegetarischen Darbens in Indien können wir unser Glück nicht fassen. (Entschuldigt diesen Kommentar: Ich wende mich nicht gegen die vegetarische Lebensweise, respektiere diese Einstellung über alle Maßen, insbesondere aus einem ökologischen Standpunkt. Aber ich habe einfach eine Schwäche für den Fleischgenuss.)

Am Nachmittag dann noch ein weiteres „Highlight“: Zum ersten Mal in meinem Leben bekomme ich eine Göttin zu Gesicht, leibhaftig, lebend. Und doch ist mein erster Eindruck alles andere als Ergriffenheit, ihr Anblick erfüllt mich mit Mitleid. Ein religiöser Altherrenrat wählt jeweils das kleine Mädchen, das äußerlich einer Göttin am ähnlichsten kommt. Und dieses arme Geschöpf muss sich dann täglich an einem winzigen Fenster Touristen und Verehren zeigen, die andächtig klatschen oder sich sogar vor ihm auf den Boden legen. Beim ersten Anzeichen der Menschlichkeit, Blut, spätestens also bei der ersten Regel, wird die Göttin abgesetzt und ist fortan zu einem Leben in Einsamkeit verdonnert. Eine Ex-Göttin zu heiraten verheißt nämlich großes Unglück für den Ehegatten. Anstatt also dieses Spektakel zu beklatschen, denke ich an etwas anderes: Das ist Kindesmissbrauch. Ein unfassbar blödes Schauspiel. Ich erlaube mir diesen Kommentar auch ohne tiefgehende Kenntnisse über die religiösen Gepflogenheiten in Nepal. Diese Praxis wirkt auf mich einfach falsch!

Abends leisten wir uns in Erwartung von Magerkost während der kommenden Wochen ein fabelhaftes Dinner: Koreanisch! Auf einem Gasgrill in der Mitte des Tisches braten wir uns dünne, dunkelrote Rindfleischscheiben genauso lange, wie es uns am besten schmeckt. Dazu Reis und ein breites Gemüse- und Salatangebot. Ein großartiger Schmaus! Morgen wollen wir in den Flieger nach Lukla steigen, dem Startpunkt unserer Trekkingtour!

Kommentare für alle und zwar umsonst!

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Globalised - finally!

Endlich, endlich, endlich - nach zwei Monaten und meiner Rückkehr aus Nepal haben wir INTERNET. Das macht vieles leichter. Sehen könnt ihr das zuallererst am neuen Blogdesign. Ich hab mich mal wieder ein bisschen an Photoshop verspielt;-) Der Header ist etwas überladen geraden - aber hey, das passt zu Indien wie die Faust aufs Auge. Problem nahin hai - It's no problem. In den nächsten Tagen werde ich schrittweise mein Nepaltagebuch nebst Bildern hochladen. Freut euch auf einen ausführlichen, mitreißenden Reisebericht (ich hoffe mal, ich versprech da nicht zu viel;-) 

Ansonsten haben für mich fast alle Kurse begonnen, aus finanztechnischen Gründen erwartet mich ein ruhiger, fleißiger November, in dem ich hoffe, so etwas wie ein Gefühl des Heimischseins in Delhi zu etnwickeln. Bis jetzt war das alles zu sehr eine turbulente Achterbahnfahrt, die mir kaum Zeit ließ meine Gedanken zu ordnen. Ständig werde ich gefragt, wie mir Indien, wie mir Delhi gefällt, und wenn ich ganz ehrlich bin muss ich sagen: I don't know! Ich hatte schlicht keine Zeit, mir darüber groß den Kopf zu zerbrechen. Bis jetzt wars ne geile Zeit aus tausenderlei Gründen, aber ob ich mein Herz an diese Stadt, dieses Land verliere, das kann ich erst wissen, wenn ich tiefer eingetaucht bin. Mein Gefühl sagt mir dennoch, dass die Chancen dafür nicht schlecht stehen. Die meisten sagen, man könne Indien nur lieben UND hassen, je nach Tag, Laune, Begegebenheit. Es sind die Spannungen, die Gegensätze, die leuchtenden Farben und der graue Smog und Dreck, das ständige stundenlange Warten und die unfassbare Ungeduld der Inder, die glühende Sonne und der sintflutartige Monsun, die Spiritualität und die Geldgeilheit, brachiales Feilschen um alles und Offenherzigkeit, luxuriöse Shopping Malls und schäbige Thalirestaurants, die höchsten Berge und die schönsten Strände (und dazwischen die Tiger im Dschungel)....Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen, und ihr merkt sicher, dass da nicht ohne Grund ein beträchtliches Maß an Faszination durchschlägt bei mir. Und so viel ist auf jeden Fall wahr: Dieses Land hat mir den Kopf verdreht, mich von oben gepackt und durchgeschüttelt, mir keine Ruhe gegönnt und kaum Schlaf gelassen. Is it love?