Alles startet mit einer Idee im Kopf, etwas, das sich tief in den Windungen unseres Denkorgans festbeißt, uns nicht mehr loslässt. Ein Gefühl, das uns packt: Das ist es! Das will ich! Momente der Klarheit. So ging es mir, als ich den LonelyPlanet über Trekking in Himalaya in die Hände bekomme. Ich, der den Bergen bisher keinerlei Beachtung geschenkt hat, ich dessen einziger Trekking-Trip bis dato durch das vergleichende Flachland der Highlands geführt hat. Aber da ist etwas, der magische Ruf der Giganten des Himalayas, der durch die Seiten des Buches schlägt und mich erreicht, tief, bohrend, ungeduldig. Und gibt es einen besseren Ort, dem Chaos Delhis während der Commonwealth Games zu entkommen. Und wann werde ich jemals wieder zur besten Reisezeit, Oktober, so nah an Nepal sein. Es riecht nach einer einmaligen Chance. Eine Entscheidung überflüssig! Und mit Edoardo habe ich einen Kumpel an der Seite, der sich, was die Berge betrifft, bestens auskennt, der vor Begeisterung glüht, wenn das Gesprächsthema auch nur ansatzweise über 2000 Höhenmeter hinausgeht. Es war sein LonelyPlanet. 3.10.2010 – Vorgeplänkel
Wir lachen, lachen über den Inder, der uns erzählt, es sei besser, wir würden ohne Planung nach Nepal fahren, einfach selbstbewusst sein, sich nicht so viele Gedanken machen, das sorgt einzig dafür, dass Dinge schief gehen. Es klingt verrückt, eine solche Haltung an den Tag zu legen, schließlich wollen wir nach oben, ganz oben, 5500 Meter, Himalaya, das Dach der Welt, da sind vorbereitende Maßnahmen obligatorisch. Also lachen wir – und wollen alles anders machen. Aber am Ende, tun wir es (fast) genauso wie es uns empfohlen wurde. Zunächst ist da der Faktor Zeit. Wer am Mittwoch entscheidet, spätestens am Sonntag zu fahren, dem bleibt relativ wenig davon. Wenn man sich dann noch in Indien befindet, dem Land, in dem selbst kleine Besorgungen einen ganzen Tag verschlingen können, dann steht man vor einem unlösbaren Problem. Es kommt, wie es kommen muss, alles geht schief. Es gelingt uns lediglich, Trockenfrüchte aufzutreiben. Ausrüstung, Wanderklamotten, Visa-Registrierung, Zugticket – ohne Erfolg. Letzteres ist besonders ärgerlich. Unser booking agent verspricht uns hoch und heilig, Zugtickets für die grenznahe Stadt Gorakhpur über das Last-Minute-Kontigent zu ergattern. Wir machen einmal mehr den Fehler uns darauf zu verlassen und hören am Freitag-Abend das uns so verhasste „So sorry, Sir“. Hat wohl verschlafen der gute Mann, whatever! Ein so frühes Scheitern – ausgeschlossen! Wir loten die Möglichkeiten aus. Wir müssen los – so schnell wie möglich. Trampen! Samstag Vormittag geht’s los, ein Tag früher, voller Vorfreude. Aber: Es ist Ghandis Geburtstag, nationaler Feiertag. Und so sind keine Trucks unterwegs. Wir stehen da mit unserem Schild „Lucknow“ und treffen auf eine Wand des Unverständnisses. Blicke voller Fragezeichen werden uns entgegen geworfen. Was wollen diese seltsamen Ausländer bloß, Bushaltestelle und Fernbahnhof sind doch so nah. Trampen ist in Indien also eine unbekannte Praxis. Es bleibt uns nichts anderes übrig, wir greifen zum letzten Mittel: Öffentlicher Bus!
4.-5.10.2010 – Die Dinge kommen ins Rollen
2 Tage später: Kathmandu, Hauptstadt Nepals. 27 Stunden im Bus von Delhi nach Gorakhpur auf harten Sitzen mit minimaler Beinfreiheit, weitere 7 Stunden an die Grenze. Dort die erste Erleichterung: Wir werden nicht einmal hingewiesen auf die fehlende Registrierung unseres Visas. Eine kurze Nacht im Hotel. Aufstehen um fünf Uhr morgens, ein kleiner Vorgeschmack auf den neuen Tagesrhythmus, der uns erwartet. Erster Bus nach Kathmandu. Und dann endlich: Auf halbem Weg schlägt der Reisestress in Reiseglück um: Wir sitzen auf dem Dach unseres Busses und donnern in wilden Kurven die erstaunlich gute Strasse nach Kathmandu entlang eines Flusses und Berghängen, die in vollem Grün stehen: Ein erster Hauch der Schönheit Nepals! Wir fühlen uns frei, jetzt scheint alles möglich. Während der Fahrtwind mir ins Gesicht bläst packt mich dieses wahnsinnige Abenteuer- und Reiselust. Wir erobern Kathmandu auf dem Dach eines Busses, das ist Reisen ultimativ, so steht es im Bilderbuch.
Der nächste Tag: Sightseeing und Shopping in Kathmandu. Wir schlagen uns durch den Stadt- und Verkehrsdschungel, der uns nach Varanasi nicht extrem vorkommt. Wir lassen uns beinahe zu Lobeshymnen über die Sauberkeit der Stadt hinreißen. Nun, das ist natürlich übertrieben. Wir bekommen alles, was wir für unsere Reise brauchen, zu Preisen, die angesichts der Tatsache, dass es sich ausnahmslos um Nachahmerprodukte handelt, bestenfalls angemessen vorkommen - trotz knallharten Handelns. Unser Viertel, Thamel, ist eine Touristenhochburg. Ein bisschen lassen wir uns daraufhin von den Tempeln der Stadt verzaubern, besonders aber vom Essen: Endlich Beef! Auf meine Frage, was hier den vegetarische Momos (diese köstlichen, gefüllten, tibetanischen Teigbällchen) kosten, entgegnet man mir mit Unverständnis: Wir verkaufen hier nur Beef-Momos. Nach Wochen vegetarischen Darbens in Indien können wir unser Glück nicht fassen. (Entschuldigt diesen Kommentar: Ich wende mich nicht gegen die vegetarische Lebensweise, respektiere diese Einstellung über alle Maßen, insbesondere aus einem ökologischen Standpunkt. Aber ich habe einfach eine Schwäche für den Fleischgenuss.)
Am Nachmittag dann noch ein weiteres „Highlight“: Zum ersten Mal in meinem Leben bekomme ich eine Göttin zu Gesicht, leibhaftig, lebend. Und doch ist mein erster Eindruck alles andere als Ergriffenheit, ihr Anblick erfüllt mich mit Mitleid. Ein religiöser Altherrenrat wählt jeweils das kleine Mädchen, das äußerlich einer Göttin am ähnlichsten kommt. Und dieses arme Geschöpf muss sich dann täglich an einem winzigen Fenster Touristen und Verehren zeigen, die andächtig klatschen oder sich sogar vor ihm auf den Boden legen. Beim ersten Anzeichen der Menschlichkeit, Blut, spätestens also bei der ersten Regel, wird die Göttin abgesetzt und ist fortan zu einem Leben in Einsamkeit verdonnert. Eine Ex-Göttin zu heiraten verheißt nämlich großes Unglück für den Ehegatten. Anstatt also dieses Spektakel zu beklatschen, denke ich an etwas anderes: Das ist Kindesmissbrauch. Ein unfassbar blödes Schauspiel. Ich erlaube mir diesen Kommentar auch ohne tiefgehende Kenntnisse über die religiösen Gepflogenheiten in Nepal. Diese Praxis wirkt auf mich einfach falsch!
Abends leisten wir uns in Erwartung von Magerkost während der kommenden Wochen ein fabelhaftes Dinner: Koreanisch! Auf einem Gasgrill in der Mitte des Tisches braten wir uns dünne, dunkelrote Rindfleischscheiben genauso lange, wie es uns am besten schmeckt. Dazu Reis und ein breites Gemüse- und Salatangebot. Ein großartiger Schmaus! Morgen wollen wir in den Flieger nach Lukla steigen, dem Startpunkt unserer Trekkingtour!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen