Today didn’t happen! Punkt! Ein vollkommen vergeudeter Tag sinnlosen Wartens, der nach stundenlangen Warten doch gestrichen wurden. Die Ausreden waren teilweise haarsträubend: Es müssten erst die Vögel von der Landebahn geschossen werden – davon war allerdings nichts zu hören. Am Ende saßen wir sogar im Flieger, voller freudiger Erwartung: Dann steigen die Piloten aus, nur um 10 Minuten später wieder zurückzukommen und am Ende dann deswegen nicht zu starten, weil der Rückflug nach Lukla wegen der hereinbrechenden Dunkelheit dann nicht mehr möglich gewesen wäre. Chapeau! Dazu kommt die Mitteilung, dass wir nicht etwa für einen der frühen Flüge für morgen eingeteilt werden, sondern uns wieder am Ende der Warteliste befinden werden. Das sind die Schattenseite des Individualtrekkings: Man besitzt nicht die Machtposition großer Touristikunternehmer, die für ihre Kunden immer Priority-Tickets auftreiben, die eigentlich gar nicht existieren. Wir sind jedenfalls stinksauer! Von großem Pech zu sprechen wäre allerdings übertrieben: Bei schlechten Wetterbedingungen ist es hier keine Seltenheit, tagelang auf einen Flug warten zu müssen. Wir hoffen auf morgen….
7.10.2010 Es geht endlich los!
Die Überschrift sagt es, einen Tag später funktioniert alles, was tags zuvor noch ausgeschlossen schien. Anstatt bis zum Mittag warten zu müssen, vermittelt uns unsere Airlineansprechpartnerin „Mandy“ bereits für halb acht einen Flieger – eine Reisegruppe ist nicht rechtzeitig erschienen. Was für Idioten – uns freuts! Bei den chaotischen Verhältnissen am Flughafen von Kathmandu ist es andererseits nahezu ausgeschlossen, einen Flug zur geplanten Zeit zu bekommen. Early birds haben bessere Chancen, weswegen wir schon um 6 Uhr morgens auf der Matte standen, um die Airlinemitarbeiter, allen voran Mandy, ständig mit Fragen zu löchern. Nur so läufts!
Und dann sitzen wir endlich im Flieger, die Motoren starten und mir wird ein bisschen mulmig: Lukla hat eine Reputation als gefährlichster Flughafen der Welt, und einer der kleinsten, so dass er nur von Kleinflugzeugen angeflogen werden kann. Jetzt ist es für Planänderungen allerdings zu spät, die Motoren starten, wir beschleunigen, heben ab: Das Abenteuer beginnt! Endlich! Wir gewinnen rasch an Höhe und bereits nach kurzer Zeit genießen wir ein erstes atemberaubendes Panorama. Linkerhand tauchen die ersten schneebedeckten Giganten des Himalaya in unserem Blickfeld auf. Der Flug nach Lukla ist somit sicher einer der spektakulärsten Linienflüge der Welt! Nichts allerdings ist abenteuerlicher als die Landung: Wir streichen knapp über einen Bergrücken, um dann in den rasanten und abrupten Landeanflug überzugehen. Ein Blick auf die winzige Landebahn lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Die Maschine schaukelt bedenklich und eine Fehleinschätzung von nur wenigen Metern würde unweigerlich zur Katastrophe führen: Dann würde unsere Dornier in jedem Fall an einem der umgebenden Felsen zerschellen. Dabei ist die Landebahn so kurz, dass der Bremsvorgang nur aufgrund der Aufwärtsneigung gelingen kann.
Ein Raunen der Erleichterung geht folglich durch das Flugzeug als wir erfolgreich aufsetzen. Unsere Euphorie kennt nun keine Grenzen, nach Tagen des Wartens und Reisens sind wir endlich am Ziel: Die Zeitrechnung wird zurück auf Null gestellt. Die Eroberung des Himalayas kann beginnen! Davor allerdings ein kurzes Frühstück, Brot, Momos, Eier und dann raus aus Lukla. Wir legen direkt ein Höllentempo vor, unsere Füße fliegen geradezu erfasst vom Hauch der Freiheit, befreit von den Fesseln moderner Verkehrsmittel, die sie so lange in eine unerträgliche Warteposition gequetscht haben. Wir können es nicht erwarten, die kleinen Siedlungen nach Lukla hinter uns zu lassen, um endlich richtig eintauchen zu können in die dramatisch schöne Landschaft des Himayala. Wir folgen einem Flußlauf, überqueren lange auf den ersten Blick wenig vertrauenserweckende, aber doch sehr stabile Hängebrücken, passieren rauschende Wasserfälle. Die angegebene Zeit zum Erreichen des ersten empfohlen Halts, Phakding, pulverisieren wir. Anstatt dort anzuhalten, gönnen wir uns eine kurze Pause mit einer Tasse Chai im warmen Sonnenlicht. Dann geht es weiter. Wir lassen uns mitreißen, sind erfüllt vom Glück, uns endlich in dieses Abenteuer stürzen zu können. Also laufen wir weiter, bis dann doch irgendwann die Knie schmerzen von den vielen kleinen An- und Abstiegen und mein Rücken sich über das Gewicht des Backpacks zu beschweren beginnt. Bin ich froh, dass ich nur das nötigste dabei habe! Die meisten lassen sich hier ihr Gepäck von Portern durch die Gegend tragen. Faszinierende Männer: trotz ihrer schmalen Statur tragen sie ohne weiteres Lasten von 30 bis 40 kg die steilen Berghänge hinauf. Neben den Yaks sind sie damit das einzige verfügbare Transportmittel. Wir wollen aber Geld sparen, unabhängig sein und die Herausforderung suchen, obwohl wir uns nach unseren ersten Wochen in Indien durch die weitgehend vegetarische Kost stark geschwächt fühlen. Wir beide haben einige Kilos verloren.
So laufen wir weiter bis zur letzten Lodge vor dem morgigen Anstieg nach Namche Bazaar. Edo und ich strecken die müden Beine von unseren Körper, sprechen über Berlusconi, Gott und die Welt, und das Leuchten in unseren Augen, die Vorfreude, auf das, was vor uns liegt, scheint in diesem Moment der Rast stärker als je zuvor zu sein: Wandern, auch in Gemeinschaft, kann ein einsamer, stiller, konzentrierter Prozess sein, das habe ich bereits in den schottischen Highlands gelernt. Man fokussiert sich ganz auf ein festgesetztes Ziel, ignoriert die schmerzenden Beine, versucht alle störenden Gefühle, den Ballast der Welt abzuschütteln: Ist es eine Begegnung mit sich selbst oder dem Selbst, das man gerne wäre? Der Versuch, ein anderer zu sein, für einen Moment, indem man eine fast mystische Verbindung mit der Natur eingeht. Nur dann selbstverständlich, wenn man versucht, an seine Grenzen zu gehen. Die mächtigen Gipfel sind dazu eine stille Herausforderung, ihrer Anziehungskraft kann man sich kaum entziehen, wenn man einmal in ihre Welt eingetaucht ist.
hi
AntwortenLöschenNur zu Konrad, mach weiter, das ist spannend und anregend zu lesen
AntwortenLöschenWir alle warten auf die Fortsetzung.
Grüße
Papa