Mehr als ein Monate ohne Eintrag, ich muss mich entschuldigen, aber es war eine geile Zeit, Leben ohne Atempause, Leben auf der Überholspur, voll, verrückt, fantastisch. Wo soll ich anfangen? So viele Gedanken, so viele Erlebnisse schwirren mir durch den Kopf in diesem Moment der Ruhe. Eine Ära neigt sich dem Ende entgegen, die Tage in Shivalik neigen sich dem Ende entgegen und wir sitzen hier gemeinsam, hören Bollywood Songs, mit einem winzigen Unterschied: Die letzten beiden Wochen waren wir damit beschäftigt unsere Assignments und Präsentationen für IIPM zu erstellen, aber seit heute sind wir durch. Ihr lest richtig, die Zeit des Studierens ist vorbei, früher als gedacht, schließlich wollte ich ja ursprünglich bis Februar am IIPM bleiben. Aber die niedrigen Erwartungen wurden noch unterboten, das Niveau der Inhalte ging häufig nicht über zehnte Klasse hinaus und so beende ich dieses Kapitel ohne eine einzige Klausur geschrieben zu haben. Die Kurse kann ich mir freilich trotzdem anrechnen lassen.
Heute standen noch einmal zwei Präsentationen auf dem Plan durch die ich mich kämpfen musste nach einer durchzechten Nacht. Geiler Club, Fünf-Sterne Hotel, Party bis zum Morgengrauen. Zuerst dachte ich, die kostenlosen Häppchen wären als Durstanreger gedacht, eine Marketingstrategie, die allerdings sinnlos verpufft, wenn sämtliche Drinks kostenlos sind. Unfassbar, welchen Status man hier manchmal als Expat hat. Es war jedenfalls einer der besten Nächte hier, es gibt nichts zu bereuen, auch wenn ich mich bei der ersten Präsentation kaum noch auf den Beinen halten konnte!
Das war es also, Goodbye IIPM! Am Ende hätte ich mich fast noch mit einem Paukenschlag verabschiedet, meine Teilnahme am Debating Tournament hat aber nur zum undankbaren vierten Platz geführt. Ein halber Punkt mehr und ich hätte mich über eine Reise nach Singapore freuen können. Sei’s drum, die nächsten zwei Monate explodieren geradezu vor Reiseplänen. Am Montag geht es nach Gujarat: Dschungel, Löwen, Strand bei 30 Grad Sonnenschein – viele Grüße an das verschneite Winterdeutschland! Danach letzte Tage in Delhi, Mumbai, Goa, Kerala und je nachdem vielleicht noch mehr. Ich werde versuchen, euch darüber in angemessenen Abständen zu berichten.
Soviel zum Blick in die Zukunft, jetzt zu einem kurzen Rückblick:
Rishikesh
Kaum zurück aus Nepal gings am darauffolgenden Wochenende nach Rishikesh im Norden am oberen Flusslauf des Ganges. Die Stadt ist berühmt für Yoga und Meditation seit die Beatles dort eine kreative Schaffenspause eingelegt haben. Esoterik stand allerdings nicht auf dem Plan. Stattdessen: Rafting! Rasant die Stromschnellen hinunter und mittendrin ein Bad im heiligen Fluss einschließlich mehrfachen Sprüngen von meterhohen Felsen in die Fluten. Hat saumäßig Spaß gemacht!
Mandi
Während Delhi mit ohrenbetäubenden Donnerschlägen in eine kriegsähnliche Atmosphäre versetzt wurde, entschieden wir uns, Diwali, das hinduistische Lichterfest an einem ruhigeren Ort zu verbringen, zusammen mit der Familie unserer indischen Mitbewohner Akki und Nikhil: Eine Gelage, der besonderen, indischen Art. Ich kann mich nicht erinnern an einem einzigen Tag so viel gegessen zu haben. Insbesondere die indischen Süßigkeiten, ein gern gesehenes Geschenk zu Diwali, sind besondere Kalorienbomben: Butterkugeln, die nur so vor Fett triefen, süßes Zeug bis an die Schmerzgrenze. Am Abend dann haben wir die Dachterrasse mit Kerzen zum Leuchten gebracht und Raketen und Böller in den Nachthimmel geschossen. Und die Dinger sind nicht nur so ohrenbetäubend laut, dass sie jegliche EU-Verordnung zur Lachnummer verkommen lassen würden, sie sind auch nicht ungefährlich. Die Zündschnüre sind schon unverantwortlich kurz und die Raketen fliegen gerne in vollkommen unvorhersehbare Richtungen. Highlight war jedenfalls, eine Böllerbatterie mit tausend Kanonenschlägen in Folge bis uns die Ohren rasselten. Spirituell wurde es davor auch noch ein bisschen als wir am aufwendig geschmückten Hausaltar der Göttin des Geldes ein paar Rupees gespendet haben. Mal sehen ob sich dieses Investment zukünftig auszahlt;-)
Tags darauf dann ein Ausflug in die Berge, eine fantastisch gelegene Lodge, an der wir die Nacht am Lagerfeuer verbrachten – nur die Gitarre hat gefehlt. Zum Ausgleich konnte ich mich im klarsten Sternenhimmel meines Lebens verlieren.
Pushkar
Neben der Reise nach Nepal, der außer Konkurrenz läuft, war das wahrscheinlich der beste Trip. Dabei hatten wir uns mit dem Datum leicht verschätzt, denn unser ursprüngliches Ziel war der camel fair, ein einwöchiges, chaotisches Spektaktel der Extraklasse mit zehntausenden Kamelen. Wir waren zum Eröffnungswochenende da, mussten dann aber schnell feststellen, dass die eigentlichen Attraktionen erst im Lauf der darauffolgenden Woche starteten. Trotzdem bleibt der Aufenthalt im Wüstenort Pushkar ein bleibendes Erlebnis, auch deswegen weil fast die komplette Mannschaft aus Shivalik am Start war. Es war in anderen Worten ein großer Familienausflug: Gemeinsames Kamelreiten, gemeinsames Schlendern über den Markt, gemeinsames Beisammensitzen zum Abendessen. Das beste waren allerdings die Motorräder und Scooter, die wir uns ausgeliehen haben. Für mich war es das erste Mal auf so einem Ding und es macht echt höllisch Spaß sich durch den dichten Verkehr zu schlängeln und lahme Touristen gnadenlos aus dem Weg zu hupen. Sonst war es ja immer ich, der zur Seite springen musste, diesmal war ich auf der anderen Seite. Nebenbei konnten wir so ein bisschen das Umland erkunden, eine Landschaft, die ein bisschen an die Savanne in Afrika erinnert. Auf den Staubpisten lässt es sich einfach herrlich cruisen! Ein Erlebnis, das nach Wiederholung schreit!
Amritsar
Party bis zum Morgengrauen und ab in den Bus nach Amritsar, wo sich eine der größten Sehenswürdigkeiten Indiens befindet: Der goldene Tempel, gleichzeitig größtes Heiligtum der Sikhs. Selten habe ich einen einladenderen und spirituelleren Ort erleben dürfen. Man ist als Gast hochwillkommen. Kost und Logis – alles kostenlos im Tempel. Und was ist das für eine Küche, die jeden Tag durchgängig für bis zu 40.000 Menschen kocht? Unfassbar, diesem geschäftigen Treiben zuzusehen! Unfassbar auch die Tempelanlage mit dem Heiligtum inmitten des „Nektarteichs“. Die Atmosphäre der ersten Sonnenstrahlen, die sich über die Anlage werfen, war das frühe Aufstehen definitiv wert. Das einzige, was erwartet wird, ist das Tragen einer Kopfbedeckung und der Verzicht auf Fußbekleidung. Letzteres war aufgrund der niedrigeren Temperaturen und den kalten Steinböden tatsächlich ein Opfer, das zu erbringen war. Dann aber konnten wir an allen Zeremonien teilhaben, das Gelände frei erkunden und mit freundlichen Sikhs über Leben und Religion philosophieren. Ein wirklich schönes Erlebnis! Konterkariert wurde es aber durch einen Besuch der pakistanischen Grenze: Jeden Tag zu Sonnenuntergang gestalten Soldaten beider Partei eine gemeinsame Choreographie mit Scheinkämpfen. Beim Marschieren werfen sie die Beine dabei bis fast an die Stern, während sie mit ihren seltsamen Hahnenhüten denkbar lächerlich aussehen. Es ist ein Spektakel, bei dem einem vor Verwunderung die Spucke wegbleibt. Auf beiden Seiten des Grenzübergangs befinden sich zwei Arenen und tausende Inder und Pakistani brüllen sich gegenseitig an. Hindustan Sindabad – Hoch lebe Indien. Es ist eine riesengroße Party, die die Zuschauer in Ekstase versetzt, und als Unbeteiligter greift man sich an den Kopf und wundert sich angesichts der Tatsache, dass die Beziehungen zwischen beiden Ländern mehr als angespannt sind. Ist dieses Treiben nun kontraproduktiv oder soll man sich freuen, dass beide Parteien daran gleichzeitig teilnehmen? Wahrscheinlich ist es einfach nur vollkommen durchgeknallt, Indien eben;-)
And what about Delhi?
Es gibt zu viel zu berichten, ich werde das hier nicht alles unterbringen können. Hier ein Versuch: Zunächst haben wir seit einigen Wochen ein Kätzchen, das wahlweise auf den Namen Puffolo oder Atzekatze hört: Mein erstes Haustier! Dann gab es German Dinner, bei dem ich unter anderem für 30 Leute Schnitzel gebraten habe, es gab die Schlumpfparty bei der wir uns von oben bis unten mit blauer Farbe beschmiert haben, es gab so vieles! Manches ist an dieser Stelle auch nicht unbedingt interessant, deswegen belasse ich es vorerst dabei. Es ist auch für den Moment genug zu lesen, hoffe ich!
