Samstag, 4. Dezember 2010

Da bin ich wieder....

Mehr als ein Monate ohne Eintrag, ich muss mich entschuldigen, aber es war eine geile Zeit, Leben ohne Atempause, Leben auf der Überholspur, voll, verrückt, fantastisch. Wo soll ich anfangen? So viele Gedanken, so viele Erlebnisse schwirren mir durch den Kopf in diesem Moment der Ruhe. Eine Ära neigt sich dem Ende entgegen, die Tage in Shivalik neigen sich dem Ende entgegen und wir sitzen hier gemeinsam, hören Bollywood Songs, mit einem winzigen Unterschied: Die letzten beiden Wochen waren wir damit beschäftigt unsere Assignments und Präsentationen für IIPM zu erstellen, aber seit heute sind wir durch. Ihr lest richtig, die Zeit des Studierens ist vorbei, früher als gedacht, schließlich wollte ich ja ursprünglich bis Februar am IIPM bleiben. Aber die niedrigen Erwartungen wurden noch unterboten, das Niveau der Inhalte ging häufig nicht über zehnte Klasse hinaus und so beende ich dieses Kapitel ohne eine einzige Klausur geschrieben zu haben. Die Kurse kann ich mir freilich trotzdem anrechnen lassen.

Heute standen noch einmal zwei Präsentationen auf dem Plan durch die ich mich kämpfen musste nach einer durchzechten Nacht. Geiler Club, Fünf-Sterne Hotel, Party bis zum Morgengrauen. Zuerst dachte ich, die kostenlosen Häppchen wären als Durstanreger gedacht, eine Marketingstrategie, die allerdings sinnlos verpufft, wenn sämtliche Drinks kostenlos sind. Unfassbar, welchen Status man hier manchmal als Expat hat. Es war jedenfalls einer der besten Nächte hier, es gibt nichts zu bereuen, auch wenn ich mich bei der ersten Präsentation kaum noch auf den Beinen halten konnte!

Das war es also, Goodbye IIPM! Am Ende hätte ich mich fast noch mit einem Paukenschlag verabschiedet, meine Teilnahme am Debating Tournament hat aber nur zum undankbaren vierten Platz geführt. Ein halber Punkt mehr und ich hätte mich über eine Reise nach Singapore freuen können. Sei’s drum, die nächsten zwei Monate explodieren geradezu vor Reiseplänen. Am Montag geht es nach Gujarat: Dschungel, Löwen, Strand bei 30 Grad Sonnenschein – viele Grüße an das verschneite Winterdeutschland! Danach letzte Tage in Delhi, Mumbai, Goa, Kerala und je nachdem vielleicht noch mehr. Ich werde versuchen, euch darüber in angemessenen Abständen zu berichten.

Soviel zum Blick in die Zukunft, jetzt zu einem kurzen Rückblick:

Rishikesh

Kaum zurück aus Nepal gings am darauffolgenden Wochenende nach Rishikesh im Norden am oberen Flusslauf des Ganges. Die Stadt ist berühmt für Yoga und Meditation seit die Beatles dort eine kreative Schaffenspause eingelegt haben. Esoterik stand allerdings nicht auf dem Plan. Stattdessen: Rafting! Rasant die Stromschnellen hinunter und mittendrin ein Bad im heiligen Fluss einschließlich mehrfachen Sprüngen von meterhohen Felsen in die Fluten. Hat saumäßig Spaß gemacht!

Mandi

Während Delhi mit ohrenbetäubenden Donnerschlägen in eine kriegsähnliche Atmosphäre versetzt wurde, entschieden wir uns, Diwali, das hinduistische Lichterfest an einem ruhigeren Ort zu verbringen, zusammen mit der Familie unserer indischen Mitbewohner Akki und Nikhil: Eine Gelage, der besonderen, indischen Art. Ich kann mich nicht erinnern an einem einzigen Tag so viel gegessen zu haben. Insbesondere die indischen Süßigkeiten, ein gern gesehenes Geschenk zu Diwali, sind besondere Kalorienbomben: Butterkugeln, die nur so vor Fett triefen, süßes Zeug bis an die Schmerzgrenze. Am Abend dann haben wir die Dachterrasse mit Kerzen zum Leuchten gebracht und Raketen und Böller in den Nachthimmel geschossen. Und die Dinger sind nicht nur so ohrenbetäubend laut, dass sie jegliche EU-Verordnung zur Lachnummer verkommen lassen würden, sie sind auch nicht ungefährlich. Die Zündschnüre sind schon unverantwortlich kurz und die Raketen fliegen gerne in vollkommen unvorhersehbare Richtungen. Highlight war jedenfalls, eine Böllerbatterie mit tausend Kanonenschlägen in Folge bis uns die Ohren rasselten. Spirituell wurde es davor auch noch ein bisschen als wir am aufwendig geschmückten Hausaltar der Göttin des Geldes ein paar Rupees gespendet haben. Mal sehen ob sich dieses Investment zukünftig auszahlt;-)

Tags darauf dann ein Ausflug in die Berge, eine fantastisch gelegene Lodge, an der wir die Nacht am Lagerfeuer verbrachten – nur die Gitarre hat gefehlt. Zum Ausgleich konnte ich mich im klarsten Sternenhimmel meines Lebens verlieren.

Pushkar

Neben der Reise nach Nepal, der außer Konkurrenz läuft, war das wahrscheinlich der beste Trip. Dabei hatten wir uns mit dem Datum leicht verschätzt, denn unser ursprüngliches Ziel war der camel fair, ein einwöchiges, chaotisches Spektaktel der Extraklasse mit zehntausenden Kamelen. Wir waren zum Eröffnungswochenende da, mussten dann aber schnell feststellen, dass die eigentlichen Attraktionen erst im Lauf der darauffolgenden Woche starteten. Trotzdem bleibt der Aufenthalt im Wüstenort Pushkar ein bleibendes Erlebnis, auch deswegen weil fast die komplette Mannschaft aus Shivalik am Start war. Es war in anderen Worten ein großer Familienausflug: Gemeinsames Kamelreiten, gemeinsames Schlendern über den Markt, gemeinsames Beisammensitzen zum Abendessen. Das beste waren allerdings die Motorräder und Scooter, die wir uns ausgeliehen haben. Für mich war es das erste Mal auf so einem Ding und es macht echt höllisch Spaß sich durch den dichten Verkehr zu schlängeln und lahme Touristen gnadenlos aus dem Weg zu hupen. Sonst war es ja immer ich, der zur Seite springen musste, diesmal war ich auf der anderen Seite. Nebenbei konnten wir so ein bisschen das Umland erkunden, eine Landschaft, die ein bisschen an die Savanne in Afrika erinnert. Auf den Staubpisten lässt es sich einfach herrlich cruisen! Ein Erlebnis, das nach Wiederholung schreit!

Amritsar

Party bis zum Morgengrauen und ab in den Bus nach Amritsar, wo sich eine der größten Sehenswürdigkeiten Indiens befindet: Der goldene Tempel, gleichzeitig größtes Heiligtum der Sikhs. Selten habe ich einen einladenderen und spirituelleren Ort erleben dürfen. Man ist als Gast hochwillkommen. Kost und Logis – alles kostenlos im Tempel. Und was ist das für eine Küche, die jeden Tag durchgängig für bis zu 40.000 Menschen kocht? Unfassbar, diesem geschäftigen Treiben zuzusehen! Unfassbar auch die Tempelanlage mit dem Heiligtum inmitten des „Nektarteichs“. Die Atmosphäre der ersten Sonnenstrahlen, die sich über die Anlage werfen, war das frühe Aufstehen definitiv wert. Das einzige, was erwartet wird, ist das Tragen einer Kopfbedeckung und der Verzicht auf Fußbekleidung. Letzteres war aufgrund der niedrigeren Temperaturen und den kalten Steinböden tatsächlich ein Opfer, das zu erbringen war. Dann aber konnten wir an allen Zeremonien teilhaben, das Gelände frei erkunden und mit freundlichen Sikhs über Leben und Religion philosophieren. Ein wirklich schönes Erlebnis! Konterkariert wurde es aber durch einen Besuch der pakistanischen Grenze: Jeden Tag zu Sonnenuntergang gestalten Soldaten beider Partei eine gemeinsame Choreographie mit Scheinkämpfen. Beim Marschieren werfen sie die Beine dabei bis fast an die Stern, während sie mit ihren seltsamen Hahnenhüten denkbar lächerlich aussehen. Es ist ein Spektakel, bei dem einem vor Verwunderung die Spucke wegbleibt. Auf beiden Seiten des Grenzübergangs befinden sich zwei Arenen und tausende Inder und Pakistani brüllen sich gegenseitig an. Hindustan Sindabad – Hoch lebe Indien. Es ist eine riesengroße Party, die die Zuschauer in Ekstase versetzt, und als Unbeteiligter greift man sich an den Kopf und wundert sich angesichts der Tatsache, dass die Beziehungen zwischen beiden Ländern mehr als angespannt sind. Ist dieses Treiben nun kontraproduktiv oder soll man sich freuen, dass beide Parteien daran gleichzeitig teilnehmen? Wahrscheinlich ist es einfach nur vollkommen durchgeknallt, Indien eben;-)

And what about Delhi?

Es gibt zu viel zu berichten, ich werde das hier nicht alles unterbringen können. Hier ein Versuch: Zunächst haben wir seit einigen Wochen ein Kätzchen, das wahlweise auf den Namen Puffolo oder Atzekatze hört: Mein erstes Haustier! Dann gab es German Dinner, bei dem ich unter anderem für 30 Leute Schnitzel gebraten habe, es gab die Schlumpfparty bei der wir uns von oben bis unten mit blauer Farbe beschmiert haben, es gab so vieles! Manches ist an dieser Stelle auch nicht unbedingt interessant, deswegen belasse ich es vorerst dabei. Es ist auch für den Moment genug zu lesen, hoffe ich!

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Nepal-Tagebuch, Teil 2

6.10.2010 Ein Nicht-Tag

Today didn’t happen! Punkt! Ein vollkommen vergeudeter Tag sinnlosen Wartens, der nach stundenlangen Warten doch gestrichen wurden. Die Ausreden waren teilweise haarsträubend: Es müssten erst die Vögel von der Landebahn geschossen werden – davon war allerdings nichts zu hören. Am Ende saßen wir sogar im Flieger, voller freudiger Erwartung: Dann steigen die Piloten aus, nur um 10 Minuten später wieder zurückzukommen und am Ende dann deswegen nicht zu starten, weil der Rückflug nach Lukla wegen der hereinbrechenden Dunkelheit dann nicht mehr möglich gewesen wäre. Chapeau! Dazu kommt die Mitteilung, dass wir nicht etwa für einen der frühen Flüge für morgen eingeteilt werden, sondern uns wieder am Ende der Warteliste befinden werden. Das sind die Schattenseite des Individualtrekkings: Man besitzt nicht die Machtposition großer Touristikunternehmer, die für ihre Kunden immer Priority-Tickets auftreiben, die eigentlich gar nicht existieren. Wir sind jedenfalls stinksauer! Von großem Pech zu sprechen wäre allerdings übertrieben: Bei schlechten Wetterbedingungen ist es hier keine Seltenheit, tagelang auf einen Flug warten zu müssen. Wir hoffen auf morgen….


7.10.2010 Es geht endlich los!

Die Überschrift sagt es, einen Tag später funktioniert alles, was tags zuvor noch ausgeschlossen schien. Anstatt bis zum Mittag warten zu müssen, vermittelt uns unsere Airlineansprechpartnerin „Mandy“ bereits für halb acht einen Flieger – eine Reisegruppe ist nicht rechtzeitig erschienen. Was für Idioten – uns freuts! Bei den chaotischen Verhältnissen am Flughafen von Kathmandu ist es andererseits nahezu ausgeschlossen, einen Flug zur geplanten Zeit zu bekommen. Early birds haben bessere Chancen, weswegen wir schon um 6 Uhr morgens auf der Matte standen, um die Airlinemitarbeiter, allen voran Mandy, ständig mit Fragen zu löchern. Nur so läufts!

Und dann sitzen wir endlich im Flieger, die Motoren starten und mir wird ein bisschen mulmig: Lukla hat eine Reputation als gefährlichster Flughafen der Welt, und einer der kleinsten, so dass er nur von Kleinflugzeugen angeflogen werden kann. Jetzt ist es für Planänderungen allerdings zu spät, die Motoren starten, wir beschleunigen, heben ab: Das Abenteuer beginnt! Endlich! Wir gewinnen rasch an Höhe und bereits nach kurzer Zeit genießen wir ein erstes atemberaubendes Panorama. Linkerhand tauchen die ersten schneebedeckten Giganten des Himalaya in unserem Blickfeld auf. Der Flug nach Lukla ist somit sicher einer der spektakulärsten Linienflüge der Welt! Nichts allerdings ist abenteuerlicher als die Landung: Wir streichen knapp über einen Bergrücken, um dann in den rasanten und abrupten Landeanflug überzugehen. Ein Blick auf die winzige Landebahn lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Die Maschine schaukelt bedenklich und eine Fehleinschätzung von nur wenigen Metern würde unweigerlich zur Katastrophe führen: Dann würde unsere Dornier in jedem Fall an einem der umgebenden Felsen zerschellen. Dabei ist die Landebahn so kurz, dass der Bremsvorgang nur aufgrund der Aufwärtsneigung gelingen kann.

Ein Raunen der Erleichterung geht folglich durch das Flugzeug als wir erfolgreich aufsetzen. Unsere Euphorie kennt nun keine Grenzen, nach Tagen des Wartens und Reisens sind wir endlich am Ziel: Die Zeitrechnung wird zurück auf Null gestellt. Die Eroberung des Himalayas kann beginnen! Davor allerdings ein kurzes Frühstück, Brot, Momos, Eier und dann raus aus Lukla. Wir legen direkt ein Höllentempo vor, unsere Füße fliegen geradezu erfasst vom Hauch der Freiheit, befreit von den Fesseln moderner Verkehrsmittel, die sie so lange in eine unerträgliche Warteposition gequetscht haben. Wir können es nicht erwarten, die kleinen Siedlungen nach Lukla hinter uns zu lassen, um endlich richtig eintauchen zu können in die dramatisch schöne Landschaft des Himayala. Wir folgen einem Flußlauf, überqueren lange auf den ersten Blick wenig vertrauenserweckende, aber doch sehr stabile Hängebrücken, passieren rauschende Wasserfälle. Die angegebene Zeit zum Erreichen des ersten empfohlen Halts, Phakding, pulverisieren wir. Anstatt dort anzuhalten, gönnen wir uns eine kurze Pause mit einer Tasse Chai im warmen Sonnenlicht. Dann geht es weiter. Wir lassen uns mitreißen, sind erfüllt vom Glück, uns endlich in dieses Abenteuer stürzen zu können. Also laufen wir weiter, bis dann doch irgendwann die Knie schmerzen von den vielen kleinen An- und Abstiegen und mein Rücken sich über das Gewicht des Backpacks zu beschweren beginnt. Bin ich froh, dass ich nur das nötigste dabei habe! Die meisten lassen sich hier ihr Gepäck von Portern durch die Gegend tragen. Faszinierende Männer: trotz ihrer schmalen Statur tragen sie ohne weiteres Lasten von 30 bis 40 kg die steilen Berghänge hinauf. Neben den Yaks sind sie damit das einzige verfügbare Transportmittel. Wir wollen aber Geld sparen, unabhängig sein und die Herausforderung suchen, obwohl wir uns nach unseren ersten Wochen in Indien durch die weitgehend vegetarische Kost stark geschwächt fühlen. Wir beide haben einige Kilos verloren.

 

So laufen wir weiter bis zur letzten Lodge vor dem morgigen Anstieg nach Namche Bazaar. Edo und ich strecken die müden Beine von unseren Körper, sprechen über Berlusconi, Gott und die Welt, und das Leuchten in unseren Augen, die Vorfreude, auf das, was vor uns liegt, scheint in diesem Moment der Rast stärker als je zuvor zu sein: Wandern, auch in Gemeinschaft, kann ein einsamer, stiller, konzentrierter Prozess sein, das habe ich bereits in den schottischen Highlands gelernt. Man fokussiert sich ganz auf ein festgesetztes Ziel, ignoriert die schmerzenden Beine, versucht alle störenden Gefühle, den Ballast der Welt abzuschütteln: Ist es eine Begegnung mit sich selbst oder dem Selbst, das man gerne wäre? Der Versuch, ein anderer zu sein, für einen Moment, indem man eine fast mystische Verbindung mit der Natur eingeht. Nur dann selbstverständlich, wenn man versucht, an seine Grenzen zu gehen. Die mächtigen Gipfel sind dazu eine stille Herausforderung, ihrer Anziehungskraft kann man sich kaum entziehen, wenn man einmal in ihre Welt eingetaucht ist.


Montag, 25. Oktober 2010

Nepal-Tagebuch: Die ersten Tage

Alles startet mit einer Idee im Kopf, etwas, das sich tief in den Windungen unseres Denkorgans festbeißt, uns nicht mehr loslässt. Ein Gefühl, das uns packt: Das ist es! Das will ich! Momente der Klarheit. So ging es mir, als ich den LonelyPlanet über Trekking in Himalaya in die Hände bekomme. Ich, der den Bergen bisher keinerlei Beachtung geschenkt hat, ich dessen einziger Trekking-Trip bis dato durch das vergleichende Flachland der Highlands geführt hat. Aber da ist etwas, der magische Ruf der Giganten des Himalayas, der durch die Seiten des Buches schlägt und mich erreicht, tief, bohrend, ungeduldig. Und gibt es einen besseren Ort, dem Chaos Delhis während der Commonwealth Games zu entkommen. Und wann werde ich jemals wieder zur besten Reisezeit, Oktober, so nah an Nepal sein. Es riecht nach einer einmaligen Chance. Eine Entscheidung überflüssig! Und mit Edoardo habe ich einen Kumpel an der Seite, der sich, was die Berge betrifft, bestens auskennt, der vor Begeisterung glüht, wenn das Gesprächsthema auch nur ansatzweise über 2000 Höhenmeter hinausgeht. Es war sein LonelyPlanet. 

 

3.10.2010 – Vorgeplänkel           

Wir lachen, lachen über den Inder, der uns erzählt, es sei besser, wir würden ohne Planung nach Nepal fahren, einfach selbstbewusst sein, sich nicht so viele Gedanken machen, das sorgt einzig dafür, dass Dinge schief gehen. Es klingt verrückt, eine solche Haltung an den Tag zu legen, schließlich wollen wir nach oben, ganz oben, 5500 Meter, Himalaya, das Dach der Welt, da sind vorbereitende Maßnahmen obligatorisch. Also lachen wir – und wollen alles anders machen. Aber am Ende, tun wir es (fast) genauso wie es uns empfohlen wurde. Zunächst ist da der Faktor Zeit. Wer am Mittwoch entscheidet, spätestens am Sonntag zu fahren, dem bleibt relativ wenig davon. Wenn man sich dann noch in Indien befindet, dem Land, in dem selbst kleine Besorgungen einen ganzen Tag verschlingen können, dann steht man vor einem unlösbaren Problem. Es kommt, wie es kommen muss, alles geht schief. Es gelingt uns lediglich, Trockenfrüchte aufzutreiben. Ausrüstung, Wanderklamotten, Visa-Registrierung, Zugticket – ohne Erfolg. Letzteres ist besonders ärgerlich. Unser booking agent verspricht uns hoch und heilig, Zugtickets für die grenznahe Stadt Gorakhpur über das Last-Minute-Kontigent zu ergattern. Wir machen einmal mehr den Fehler uns darauf zu verlassen und hören am Freitag-Abend das uns so verhasste „So sorry, Sir“. Hat wohl verschlafen der gute Mann, whatever! Ein so frühes Scheitern – ausgeschlossen! Wir loten die Möglichkeiten aus. Wir müssen los – so schnell wie möglich. Trampen! Samstag Vormittag geht’s los, ein Tag früher, voller Vorfreude. Aber: Es ist Ghandis Geburtstag, nationaler Feiertag. Und so sind keine Trucks unterwegs. Wir stehen da mit unserem Schild „Lucknow“ und treffen auf eine Wand des Unverständnisses. Blicke voller Fragezeichen werden uns entgegen geworfen. Was wollen diese seltsamen Ausländer bloß, Bushaltestelle und Fernbahnhof sind doch so nah. Trampen ist in Indien also eine unbekannte Praxis. Es bleibt uns nichts anderes übrig, wir greifen zum letzten Mittel: Öffentlicher Bus!

 


4.-5.10.2010 – Die Dinge kommen ins Rollen

2 Tage später: Kathmandu, Hauptstadt Nepals. 27 Stunden im Bus von Delhi nach Gorakhpur auf harten Sitzen mit minimaler Beinfreiheit, weitere 7 Stunden an die Grenze. Dort die erste Erleichterung: Wir werden nicht einmal hingewiesen auf die fehlende Registrierung unseres Visas. Eine kurze Nacht im Hotel. Aufstehen um fünf Uhr morgens, ein kleiner Vorgeschmack auf den neuen Tagesrhythmus, der uns erwartet. Erster Bus nach Kathmandu. Und dann endlich: Auf halbem Weg schlägt der Reisestress in Reiseglück um: Wir sitzen auf dem Dach unseres Busses und donnern in wilden Kurven die erstaunlich gute Strasse nach Kathmandu entlang eines Flusses und Berghängen, die in vollem Grün stehen: Ein erster Hauch der Schönheit Nepals! Wir fühlen uns frei, jetzt scheint alles möglich. Während  der Fahrtwind mir ins Gesicht bläst packt mich dieses wahnsinnige Abenteuer- und Reiselust. Wir erobern Kathmandu auf dem Dach eines Busses, das ist Reisen ultimativ, so steht es im Bilderbuch.

Der nächste Tag: Sightseeing und Shopping in Kathmandu. Wir schlagen uns durch den Stadt- und Verkehrsdschungel, der uns nach Varanasi nicht extrem vorkommt. Wir lassen uns beinahe zu Lobeshymnen über die Sauberkeit der Stadt hinreißen. Nun, das ist natürlich übertrieben. Wir bekommen alles, was wir für unsere Reise brauchen, zu Preisen, die angesichts der Tatsache, dass es sich ausnahmslos um Nachahmerprodukte handelt, bestenfalls angemessen vorkommen - trotz knallharten Handelns. Unser Viertel, Thamel, ist eine Touristenhochburg. Ein bisschen lassen wir uns daraufhin von den Tempeln der Stadt verzaubern, besonders aber vom Essen: Endlich Beef! Auf meine Frage, was hier den vegetarische Momos (diese köstlichen, gefüllten, tibetanischen Teigbällchen) kosten, entgegnet man mir mit Unverständnis: Wir verkaufen hier nur Beef-Momos. Nach Wochen vegetarischen Darbens in Indien können wir unser Glück nicht fassen. (Entschuldigt diesen Kommentar: Ich wende mich nicht gegen die vegetarische Lebensweise, respektiere diese Einstellung über alle Maßen, insbesondere aus einem ökologischen Standpunkt. Aber ich habe einfach eine Schwäche für den Fleischgenuss.)

Am Nachmittag dann noch ein weiteres „Highlight“: Zum ersten Mal in meinem Leben bekomme ich eine Göttin zu Gesicht, leibhaftig, lebend. Und doch ist mein erster Eindruck alles andere als Ergriffenheit, ihr Anblick erfüllt mich mit Mitleid. Ein religiöser Altherrenrat wählt jeweils das kleine Mädchen, das äußerlich einer Göttin am ähnlichsten kommt. Und dieses arme Geschöpf muss sich dann täglich an einem winzigen Fenster Touristen und Verehren zeigen, die andächtig klatschen oder sich sogar vor ihm auf den Boden legen. Beim ersten Anzeichen der Menschlichkeit, Blut, spätestens also bei der ersten Regel, wird die Göttin abgesetzt und ist fortan zu einem Leben in Einsamkeit verdonnert. Eine Ex-Göttin zu heiraten verheißt nämlich großes Unglück für den Ehegatten. Anstatt also dieses Spektakel zu beklatschen, denke ich an etwas anderes: Das ist Kindesmissbrauch. Ein unfassbar blödes Schauspiel. Ich erlaube mir diesen Kommentar auch ohne tiefgehende Kenntnisse über die religiösen Gepflogenheiten in Nepal. Diese Praxis wirkt auf mich einfach falsch!

Abends leisten wir uns in Erwartung von Magerkost während der kommenden Wochen ein fabelhaftes Dinner: Koreanisch! Auf einem Gasgrill in der Mitte des Tisches braten wir uns dünne, dunkelrote Rindfleischscheiben genauso lange, wie es uns am besten schmeckt. Dazu Reis und ein breites Gemüse- und Salatangebot. Ein großartiger Schmaus! Morgen wollen wir in den Flieger nach Lukla steigen, dem Startpunkt unserer Trekkingtour!

Kommentare für alle und zwar umsonst!

Hab vergessen die Kommentarfunktion auch für nicht registierte Benutzer freizuschalten. Hoffe es fühlt sich niemand mehr ausgeschlossen - also haut rein in die Tasten!

Globalised - finally!

Endlich, endlich, endlich - nach zwei Monaten und meiner Rückkehr aus Nepal haben wir INTERNET. Das macht vieles leichter. Sehen könnt ihr das zuallererst am neuen Blogdesign. Ich hab mich mal wieder ein bisschen an Photoshop verspielt;-) Der Header ist etwas überladen geraden - aber hey, das passt zu Indien wie die Faust aufs Auge. Problem nahin hai - It's no problem. In den nächsten Tagen werde ich schrittweise mein Nepaltagebuch nebst Bildern hochladen. Freut euch auf einen ausführlichen, mitreißenden Reisebericht (ich hoffe mal, ich versprech da nicht zu viel;-) 

Ansonsten haben für mich fast alle Kurse begonnen, aus finanztechnischen Gründen erwartet mich ein ruhiger, fleißiger November, in dem ich hoffe, so etwas wie ein Gefühl des Heimischseins in Delhi zu etnwickeln. Bis jetzt war das alles zu sehr eine turbulente Achterbahnfahrt, die mir kaum Zeit ließ meine Gedanken zu ordnen. Ständig werde ich gefragt, wie mir Indien, wie mir Delhi gefällt, und wenn ich ganz ehrlich bin muss ich sagen: I don't know! Ich hatte schlicht keine Zeit, mir darüber groß den Kopf zu zerbrechen. Bis jetzt wars ne geile Zeit aus tausenderlei Gründen, aber ob ich mein Herz an diese Stadt, dieses Land verliere, das kann ich erst wissen, wenn ich tiefer eingetaucht bin. Mein Gefühl sagt mir dennoch, dass die Chancen dafür nicht schlecht stehen. Die meisten sagen, man könne Indien nur lieben UND hassen, je nach Tag, Laune, Begegebenheit. Es sind die Spannungen, die Gegensätze, die leuchtenden Farben und der graue Smog und Dreck, das ständige stundenlange Warten und die unfassbare Ungeduld der Inder, die glühende Sonne und der sintflutartige Monsun, die Spiritualität und die Geldgeilheit, brachiales Feilschen um alles und Offenherzigkeit, luxuriöse Shopping Malls und schäbige Thalirestaurants, die höchsten Berge und die schönsten Strände (und dazwischen die Tiger im Dschungel)....Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen, und ihr merkt sicher, dass da nicht ohne Grund ein beträchtliches Maß an Faszination durchschlägt bei mir. Und so viel ist auf jeden Fall wahr: Dieses Land hat mir den Kopf verdreht, mich von oben gepackt und durchgeschüttelt, mir keine Ruhe gegönnt und kaum Schlaf gelassen. Is it love? 

Dienstag, 28. September 2010

Nach ganz oben!

Crazy, crazy India, was verdrehst du mir doch den Kopf! Und nun verlasse ich dich fuer drei Wochen! Es ist entschieden, endgueltig, unumstoesslich, final! It's like a once in a lifetime chance: Das Dach der Welt - Das Himalaya! Zwei, drei Reisetage werden wir vielleicht brauchen, um den Trekkinghimmel, um Kathmandu zu erreichen. Ich kann euch nicht sagen, wie sehr die Vorfreude schon heiss durch meine Adern schiesst. Alles fuer diesen einen Moment, auf ueber 5000m Hoehe mit freiem Blick auf den Mount Everest. Das koennte, nein, das wird das groesste Abenteuer meines Lebens, ein gigantisches Spektakel der Naturgewalten. Edoardo hat diese Idee in meinen Kopf eingepflanzt. Es war sein Lonely Planet mit 30 Treks durch Nepal, den ich gestern Abend verschlungen habe. Jetzt ist mir klar: Es gibt keinen besseren Ort auf dieser Welt, um die Berge zu erleben. Ich ueberspringe die mickrigen Alpen und gehe direkt dorthin, wo alle Superlative gesprengt werden. Nicht fuer das Risiko - keine Kletteraktionen! - sondern fuer das ultimative Erlebnis, die Freiheit, das Abenteuer! Das Fieber hat mich gepackt! Am Sonntag gehts los und es ist noch so viel vorzubereiten, denn ich habe natuerlich fast nichts dabei. Und auf einen indischen Ratschlage moechte ich mich dann doch nicht verlassen: Plane nichts, sondern sei selbstbewusst! Denn wer anfaengt zu planen, der zeigt Schwaeche. Und wer schwach ist, der macht Fehler! Irgendwie kommt mir dieses Prinzip bekannt vor, scheint ein weit verbereitetes, indisches Lebensmotto zu sein. Wer wundert sich da noch ueber die katastrophale Organisation der CommonwealthGames. Fuer mich jedenfalls ein Grund mehr abzuhauen, um diesem Chaos zu entrinnen.

Montag, 27. September 2010

Shivalik for life!

Shivalik A335 (unser Haus) - kurz einfach nur: Shivalik - kann feiern und wie! Nachdem ich die House-Warming-Party letztes Wochenende ja leider verpasst habe, gings dieses Wochenende in die zweite Runde. Motto diesmal: Toga! Also haben wir uns schwarze Stoffbänder um die Schultern geworfen und selbsgemachte Lorbeerkranzimitate ins Haar gesteckt. Als ich solchermaßen würdevoll gekleidet in unser Wohnzimmer stolzierte, staunte ich nicht schlecht, lauter Leute und ich kenne niemand. Wahnsinn! Der Kühlschrank voller Bier und Rum - Es kann losgehen. Und es war ein rauschendes Fest bis in die frühesten Morgenstunden. Vom Partykeller bis zur Dachterrasse - ich liebe dieses Haus. Es ist teuer, unfertig, unkommunikativ (kein Internet), aber dann eben auch riesengroß, voller partywütiger Mitbewohnern und - hallo - es hat ne Dachterrasse: Muss ich mehr sagen? And it's our open house: Alle Türen offen, keine Schlüssel vorhanden! Sympathisch und bis dato unproblematisch!

Und dieses Wochenende musste das alles auch mal gebührend gewürdigt werden: Also habe ich ca. 90% des Restwochenendes auf dem Sofa verbracht, bei angenehmen Ventilatortemperaturen Schutz vor der wütenden Hitze gefunden und mich durch das letzte Drittel des tausendseitigen Wälzers gekämpft, der mich die letzten beiden Wochen in Atem gehalten hat: Shantaram. Die Lebensgeschichte eines Australiers, der aus dem Gefängnis flieht und im Exil zu einer Unterweltgröße in Bombay aufsteigt. Es ist einer der besten Romane, die ich je gelesen habe, ein klares, dennoch poetisches Englisch erzählt eine Geschichte, eine Biographie, die stets den Spannungsbogen auf dem Maximum hält ohne dabei doch dann und wann in interessante Details abzudriften, die ein reiches Bild dieses faszinierenden Stadt Bombay und den indischen Eigenheiten zeichnen. Ich muss dahin - auf jeden Fall! Und euch empfehle ich allen Shantaram zur Lektüre, falls ihr mal Zeit und Muse für ein längeres Buch habt. Es lohnt sich!

Vorerst steht allerdings nicht Mumbai auf dem Reiseplan, sondern wahrscheinlich Nepal und das Himalaya. Noch ist nichts entschieden und gerade heute erreichte mich die Nachricht, dass unsere Ferien vom IIPM vielleicht doch von zwei auf eine Woche schrumpfen. Aber ich habe keine Lust, diese Planänderung ernstzunehmen und habe entschieden, auf jeden Fall einen längeren Trip zu unternehmen. Was wäre denn, wenn ich schon gebucht hätte? Auf die Organisation hier jedenfalls kann man keinen Pfifferling setzen und deswegen hilft nur eines: Selbstständig entscheiden und sich nicht aus der Ruhe bringen lassen! Mal sehen, was das IIPM mir diese Woche noch so auftischt: Gerade war ich in einer Vorlesung über Derivatives, Options and Futures. Ich dachte, es kann nicht schaden, sich mal ein bisschen näher mit den Begriffen des Investmentbankings auseinanderzusetzen. Stattdessen hätte ich mich mal vorher lieber mit den basics auseinandergesetzt, um in dem Begriffsdschungel den Überblick zu behalten. Die Vorlesung drehte sich jedenfalls um Beta-Hedging. Beta und Hedging - alles klar! Tja, so ein bisschen was habe ich dann doch verstanden. Der Betawert signalisiert die Stärke der Reaktion des Portfolios auf Marktveränderung und mittels kann der Betawert auf 0 gebracht werden. Das entspricht dann einer maximalen Portfolioabsicherung, gewährleistet mittels Termingeschäften, die sich invers zur Marktänderung verhalten. Macht Sinn, aber ob das dann wirklich eine hunderprozentige Sicherheit bietet, wie unser Prof. meinte - ich zweifle dran! Aber vielleicht habe ich auch mal einfach wieder die Hälfte missverstanden bei dem miserablen Akzent. Unser Favorit ist in dieser Hinsicht übrigens das schöne Wort "Questionnaire" - aus indischen Mündern klingt das wie: kuschnärr - und das soll ich dann nach über einem Jahr England verstehen. No way, lads!