Dienstag, 14. September 2010

Reisefieber!

Es kam einmal mehr alles anders als geplant. Mittwoch Abend, wir sind bereit, unsere Rucksäcke gepackt, es kann losgehen, wir glühen vor Vorfreude: Bald schon werden wir im Zug nach Varanasi sitzen. Der erste Rickshawfahrer, den wir anhalten, trübt unseren Optimismus: 300 Rupien verlangt er für die Fahrt zum Bahnhof. Mit einem müden Lächeln schicken wir ihn weg. Nachdem aber auch der zweite und dritte ähnlich hohe Summen fordern, kommen wir ins überlegen: Wo zur Hölle ist eigentlich dieser Bahnhof? Im booking centre direkt von unserer Haustür hat man uns versichert, der Bahnhof sei von hier aus in ca. 5 Minuten erreichbar. Ein angemessener Preis für eine solche Kurzstrecke wären vllt. 40 Rupien. Das passt nicht und die Rickshawfahrer betonen einer nach dem anderen, wie very far dieser Bahnhof ist. Langsam dämmert uns, dass wir uns nicht blind auf die Aussage des Buchungsassistenten hätten verlassen sollen. Zu spät, wir verpassen den Zug und eine andere Verbindung ist für diesen Abend unmöglich zu bekommen. In der Ubahn auf dem Weg zurück, erklärt uns eine Inder, dass die Eisenbahn nunmal die "lifeline" Indiens sei. Züge sind regelmäßig bis auf den letzten Sitz ausgebucht. Wer durch Indien reist, nutzt die Bahn! Und das Chaos und Gedränge vor den Ticketschaltern am Bahnhof bestätigt das nur zu gut. Kurzfristig ist es daher Glückssache, ob man noch einen der begehrten Plätze ergattern kann. Das Buchungssystem an sich ist dabei keine große Hilfe, sondern eine Wissenschaft für sich: 8 verschieden Klassen und unzählige Sonderkürzel sind auf den ersten Blick kaum zu entschlüsseln. Über das Internet gelingt es mir am selben Abend tatsächlich noch für den darauffolgenden Tag, Plätze in einem anderen Zug zu sichern. Unser Status "RAC -Reserved against Cancellation": Das ist besser als auf der Warteliste zu stehen, bei der einem niemand sagen kann, wie gut die Chancen stehen, die Fahrt antreten zu können. Wir haben zumindest die Sicherheit einsteigen zu dürfen, nur die Frage, ob wir auch ein Bett für die Nacht bekommen ist offen. Das ist allerdings bei einer Fahrtzeit von über 16 Stunden keineswegs irrelevant. Wer möchte eine solange Zeit schon auf harten Holzsitzen verbringen?

Nach all der Häme, die wir für unsere so undeutsche Unpünktlichkeit haben einstecken müssen, klappt es im zweite Anlauf: Wir erwischen unseren Zug, haben ein Bett und es kann mit einem Tag Verspätung endlich losgehen. Da wir nicht die unterste Klasse gebucht haben, ist unser Waggon klimatisiert - und wie! Ein eisiger Wind weht aus der Klimaanlage. Immerhin: Die Betten sind bequem und so vergehen die über 16 Stunden lesend und schlafend wie im Flug;-)

Dann Varanasi: Die heilige Stadt am Ganges entspricht exakt der Bilderbuchvorstellung von Indien. Hier wird kein Klischee ausgelassen. Der Verkehr ist noch eine Spur härter. Wild hupend stürzt sich unser Rickshaw-Fahrer in Verkehrsdschungel, der auch von zahlreichen Kühen bevölkert wird, die teilweise mit stoischer Ruhe mitten auf der Fahrbahn stehen, während sie von unzähligen Fahrrädern, Rickshaws, Motorrädern, Autos, Bussen umflutet werden. Hier sind alle Regeln aufgehoben, es zählt nur das Vorwätskommen, koste es, was es wolle. Inder, so kommt es mir oft vor, sind meistens sehr ungeduldig - das geordnete Schlangestehen haben sie sicher nicht von ihren britischen Kolonialherren übernommen - es wird geschubst, gedrängelt, geflucht, gehupt. Aber trotz dieser Ungeduld sind sie in allem, was sie tun, meistens unglaublich langsam. Diese Kombination ist zumindest gewöhnungsbedürftig und treibt einen regelmäßig auf die Palme. Zurück zu Varanasi: Unser Hotel ist direkt am Ganges, nur über die kleinen, angenehm schattigen Altstadtgassen erreichbar, die für den Verkehr gesperrt sind, ausgenommen Motorräder, was dafür sorgt, das ein angenehmes Schlendern vorbei an den zahlreichen Seidenläden fast unmöglich ist, da man ständig zur Seite springen muss und einem von dem ständigen Hupen, das in der Enge der Gassen noch potenziert wird, bald die Ohren Rasseln. Lernt man aber mit diesen kleinen Unannehmlichkeiten zurecht zu kommen, eröffnet sich dem Auge das farbenprächtige Kaleidoskop dieser unglaublich chaotischen und geschäftigen Stadt. Es vergeht keine Sekunde, in der man unbehelligt bleibt von den zahlreichen Verkäufern, Bootsbesitzern, Händlern und Touristenführern, die einem bei dem leisesten Anzeichen von Interesse durch die halbe Stadt folgen, die ständigen Abweisungen dabei geflissentlich ignorierend. Es ist fast unvermeidbar einem dieser Schlepper dann doch irgendwann zu erliegen. Nahe des Ghats, - so heißen die Zugänge zum Ganges - an dem die meisten Leichen nach hinduistischer Sitte verbrannt werden, lassen wir uns von einem angeblichen freiwilligen Mitarbeiter eines Hospizs herumführen und erklären, was es mit den Verbrennungen, den nun auf sich hat. Nicht verbrannt werden dürfen Leprakranke, an Vergiftung Gestorbene, Selbstmörder und Sadhus, die aufgrund ihres Heiligenstatus nicht mehr erlöst werden müssen. Als Gegenleistung für diese Informationen versichert er uns mehrfach, kein Geld annehmen zu wollen. Es wäre allerdings nett, den alten Frauen eine kleine Spende zukommen zu lassen. Am Ende der kurzen Führung soll dann aber doch jeder von uns - umgerechnet - mindestens 10 Euro spenden - das Holz für die Verbrennungen sei ja so wahnsinnig teuer! Überhaupt will in Varanasi jeder Geld für auch nur die kleinsten Kleinigkeiten: In einem winzigen nepalesischen Tempel sollen wir 10 Rupien bezahlen für die aufschlussreiche Erklärung: That is a bell! Klar doch, bitte, gerne, dankeschön. Im goldenen Tempel werden wir mit Blumenkränzen behängt und werden mindestens fünfmal aufgefordert, eine Spende zu geben. Einmal ist genug! Aber die Priester oder wer auch immer reagieren fast aggressiv, packen einen am Arm und verlangen eine Zahlung. Eine seltsame Mentalität für einen spirituellen Ort. 

Dem ganzen Trubel entkommen wir elegant am zweiten Tag auf einer Bootsfahrt entlang der Ghats. In der frühen Morgensonne um halb sechs (!!!) beobachten wir die Pilger bei ihrem Bad im Ganges und fragen uns, wie hoch deren Lebenserwartung wohl sein mag. Die für Badewasser zulässige Obergrenze von 500 Kolibakterien pro Liter wird vom heiligen Fluss locker übertroffen: Über 1,5 Millionen dieser Fäkalbaktieren finden sicher hier durchschnittlich in einem Liter. Wenig beruhigend wirkt auf uns daher auch die Erklärung unseres Bootsführers, dass Varanasi seine Wasserversorgung aus dem Ganges bezieht. Die schmächtigen Filtertürmchen wirken zumindest wenig vielversprechend. Was solls, Magenprobleme und Durchfall plagen mich im Grunde seit ich in Indien gelandet bin - und irgendwie habe ich mich fast schon dran gewöhnt. Wäre ja auch zu schade, auf das leckere Essen zu verzichten. Und davon gabs in Varanasi eine Menge. Das einsame Highlight neben den gewohnten indischen Köstlichkeiten, auf die ich demnächst mal näher eingehen werden, war allerdings der Apfelkuchen mit Vanilleeis in einer kleinen, idyllischen Pizzeria am Assi Ghat. Ich weiß nicht, ob ich jemals schon einen besseren hatte:-)

Leider muss ich meinen Bericht an dieser Stelle vorerst abbrechen, die nächste Fortsetzung gibts wohl erst nächst Woche, denn kaum wieder zurück in Delhi ziehts mich auch schon wieder weg. Die letzte Woche bevors hier richtig losgeht mit den Vorlesungen werde ich in Madhyar Pradesh im Herzen Indiens verbringen. Mit ein bisschen Glück werde ich auf den dort angebotenen Safaris ein paar Tiger zu Gesicht bekommen. Dann wirds auch endlich Fotos geben - habe meine Kamera leider zu Hause liegen lassen und kann deswegen die Varanasi-Bilder noch nicht hochladen!

2 Kommentare:

  1. soso corrado, meine Reise kann zwar mit Indien nicht mithalten, aber dafür sind Kopenhagen und Malmö zwei echte Schwergewichte in der europäischen Städtelandschaft. Ansonsten geht für mich morgen zurück Epizentrum und ab auf die Wiesn. Ich bin heiss wie Frittenfett und kanns kaum noch erwarten. Beim Tippspiel hast du mich diese Woche richtig besiegt und es steht nur noch 19:25 für mich.
    machs gut mia hörn uns ciao

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  2. Hi there!
    Habe es endlich geschafft, die chinesische Firewall (die "Zweite Große Mauer" ^^) zu umgehen und kann jetzt also auch (vorerst) blogspot mitverfolgen!
    Wenn ich das hier lese, haben Indien und China doch einige Gemeinsamkeiten: Der Verkehr ist der Horror, das Essen toll und verlassen kann man sich auf keinen, zumindest nicht, wenn derjenige Geld verdienen will! ;)
    Freu mich auf weitere News,
    Clara

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